Almut und Sascha

… arbeiten als freiberufliches Journalist*innen- und Autor*innen-Team mit Wort und Klang und versuchen immer wieder neu, die Arbeit rund um ihre drei Kinder, um Küche, Krankheit und Kloputz genauso fair aufzuteilen wie ihre Erwerbsarbeit.

 

1. Wie ist die CareArbeit bei Euch zuhause auf die Erwachsenen verteilt? Gibt es feste Zuständigkeiten?

Almut: Zuständigkeiten weniger, aber Routinen, die sich im Lauf der Jahre entwickelt haben. Und die wir immer wieder infrage stellen, vor allem, wenn uns mal wieder alles über den Kopf wächst, und wir empört sind, wie groß ein Wäscheberg in drei Tagen anwachsen kann oder, dass sich die Küche nicht wenigstens dann über Nacht von selbst aufräumt, wenn Eltern krank werden.
Sascha: Wer was im Haushalt übernimmt, ist ja immer auch eine Botschaft an die Kinder. Almut kümmert sich um die Wäsche, aber das Entscheidende ist, sie kümmert sich darum, dass alle was Warmes zum Anziehen haben, wenn der Herbst kommt. Und sie kümmert sich um Geburtstage und Geschenke. Da bin ich nicht gut und immer auf den letzten Drücker. Das sind zum Teil also auch heftige Rollenklischees, die wir da weiter geben. Aber beide alles machen, geht einfach nicht ohne bedingungsloses Grundeinkommen. Und eigentlich ist es ja egal, was ich als Mann in der Familienarbeit übernehme, eigentlich ist das ja alles untypisch 😉
Almut: Sascha hat dafür seit ein paar Jahren das Kochen und den Lebensmitteleinkauf fast komplett übernommen, was ich dankbar und erleichtert angenommen habe.

2. Warum teilt Ihr Euch anfallende CareArbeit untereinander auf? Welche Vorteile habt Ihr dadurch?

Almut: Es ist uns nie anders in den Sinn gekommen. Wir sind im Studium zusammengezogen und es passt nicht zu meinem Verständnis von Partnerschaft, dass sich eins nach Feierabend hinsetzt, während er oder sie noch "das bisschen Haushalt" wuppt.
Sascha: in der kleinen Wohnung, die wir damals hatten, gab es ja auch nicht so viel zu tun. Am Anfang waren wir oft in der Mensa und haben dann irgendwann angefangen, uns gegenseitig zu bekochen. Es hat sich richtig angefühlt, gab keinen Streit, ich bin da so reingewachsen. Dass der Haushalt zu einer lästigen Aufgabe wurde, das kam eigentlich erst mit den Kindern. Und da hilft es zu wissen, dass ich mich um bestimmte Dinge einfach nicht kümmern muss. Ich hab viele Teller gleichzeitig am Rotieren, Kleidung z.B. gehört nicht dazu, das ist gut. Das heißt nicht, dass ich mich nicht auch kümmern würde, aber ich muss nicht und muss dann auch kein schlechtes Gewissen haben.

 

3. Welche Nachteile und Schwierigkeiten gibt es, welche Hürden?
Sascha: Da wir uns für die meisten Bereiche gleich zuständig fühlen, machen wir uns auch über Dinge doppelt Gedanken, die das gar nicht wert sind. Ohne Kommunikation geht gar nichts, es braucht mehr Übergaben und den anderen auf-den-Stand-bringen. Und da hinterher zu sein, ist manchmal anstrengend.
Almut: Zum Beispiel wenn ich morgens einem der Kinder (dem, das zur Zeit ausprobiert, ob es unsere Zeitansagen nicht ausdehnen kann ☺) sage, wann es zuhause zu sein hat, und Sascha aber schon im Büro sitzt, und das nicht mitbekommt. Dann ahnt man schon, dass das natürlich der Tag ist, an dem ich abends länger arbeite und Sascha die Tür aufmacht, wenn das Kind dann eine Stunde später als verabredet zurückkommt. Einerseits unwichtig und nur ein kleiner, glücklicher Moment fürs Kind, wenn ich das gar nicht erfahre. Andererseits doch wichtig, wenn es am nächsten Tag noch ein bisschen später kommt, so dass wir schon wieder unsere Erziehungsmaßnahmen diskutieren.

 

4. Wäre es nicht praktischer, eine Person des Haushalts würde sich alleine darum kümmern und so auch den Überblick und die Verantwortung behalten?
Almut: Das mag praktischer sein, aber da keins von uns glücklich damit wäre, den Alltag ohne Beruf oder mit nur wenig Kinderzeiten zu verbringen, stellt sich die Frage gar nicht. Ich bin froh, dass wir beide einen Beruf haben, den wir sehr gerne machen, dass wir beide gerne unsere Zeit mit den Kindern verbringen und deshalb dankbar, dass wir uns die ungeliebten Aufgaben im Haushalt halbieren können.
Sascha: Die klassische Aufteilung jedenfalls käme für mich nicht infrage. Zumal ich weiß, dass die Mehrheit der Väter, die heute in Rente sind, bedauern, zu wenig Zeit mit ihren Kindern verbracht zu haben. Das möchte ich nicht nachleben.

5. Wodurch / Wann stoßt Ihr an Grenzen der fairen Aufteilung?
Sascha: Das sind natürlich immer die unplanbaren Dinge, Krankheit, ein zusätzlicher Auftrag, den wir nicht ablehnen wollen und können, ein Job, der doch viel mehr Zeit braucht als vorgesehen. Dann geht es schon mal drunter und drüber, und dann ist es auch nicht mehr gerecht. Aber da das Pendel mal auf die eine, mal auf die andere Seite ausschlägt, ist das schon okay so.
Almut: Equal Care ist für uns ja auch keine objektive Angelegenheit mit Stechuhr und Rechenschaftsbericht. Wenn Sascha mal wieder länger in der Küche steht und unbedingt Apfelmus selbst machen möchte oder Brot oder Marmelade… irgendwann geht es eben auch ins Hobby über und ist nicht mehr Teil der Abmachung.
Sascha: Vielleicht sollten wir die Aufgabenbereiche doch umkehren, also gerade nach Abneigung die Zuständigkeiten aufteilen, dann wären wir sicher schneller fertig mit dem bisschen Haushalt.
Almut: Heißt dann aber auch mit mehr Fertiggerichten, mehr Müll und Kleidern vom Discounter, oder? Und das kann es ja dann auch nicht sein.

6. Hat sich die Verteilung der CareArbeit verändert im Vergleich zur Zeit ohne Kinder?
Almut: Weil es ohne Kinder so viel weniger zu tun gibt in einem Haushalt, weil jetzt so viel explodiert, kaum dass man den Blick abwendet, deshalb braucht es viel mehr Absprachen. Wir reden also sehr viel mehr darüber. Und weil die Kinder zunehmend mit einbezogen werden, gibt es auch Listen und Pläne, die (von den Kindern gern boykottiert werden und) immer wieder angepasst werden müssen.

 

7. Was hat sich verändert mit dem Älterwerden der Kinder? Musste die Aufteilung in Frage gestellt und evtl. neu verteilt werden?
Sascha: Na ja, wenn die Kinder klein sind, dann sind es einfach die Eltern, die alle Care-Arbeiten übernehmen. Jetzt sind unsere Kinder in einem Alter, wo sie selbst viele Aufgaben übernehmen können und sollen. Jetzt stehen wir gerade vor der Aufgabe, wie wir unsere Kinder einbeziehen können in unser Konzept von Equal Care. Und die würden sich momentan natürlich lieber für ein anderes Modell entscheiden … und erleben es tatsächlich auch oft in anderen Familien, dass auch größere Kinder da vom Tisch aufstehen und sich bedienen lassen. Wäsche waschen, Spülmaschine, auch Kochen und Putzen, all die Tätigkeiten wollen wir natürlich auch unseren Kindern beibringen und sie einbeziehen. Denn wenn sie das alles gar nicht oder nur rudimentär lernen, dann können sie sich später gar nicht wirklich für oder gegen Equal Care entscheiden.

8. Welche Reaktionen bekommst Du von anderen für Dein Tun als Mann/Frau?
Sascha: Als Almut mal über mehrere Tage ein Seminar in Stuttgart gab, staunte eine Bekannte, dass meine Frau mich einfach so alleine lässt, bei sowas sei sie ja nicht so emanzipiert. Und als die Kinder kleiner waren, bekam ich in solchen Situationen öfter mal Hilfe angeboten, falls ich mit den Kindern alleine nicht klar käme.
Almut: Mir dagegen hat noch nie eine Bekannte Hilfe angeboten, weil Sascha 3 Tage weg ist. Aber es gibt auch FreundInnen, die sagen "Toll, dass Ihr das zusammen so gut hinbekommt, ist ja erstaunlich, was Ihr alles auf die Beine stellt". Das freut uns dann, wenn uns andere auch als Team sehen.

9. Erzähle von einer Situation, ein Gespräch, in dem Du eine positive und eine, in dem Du eine negative Reaktion erfahren hast.
Almut: Es hat sehr lange gedauert, bis unsere Eltern und Bekannten uns abgenommen haben, dass tatsächlich nicht ich, sondern Sascha für die Küche zuständig ist. Ich weiß gar nicht, wie oft ich Fragen nach "meinem Herd" oder zu irgendwelchen Zubereitungsmethoden an Sascha weitergeleitet habe. Und wenn andere meinen Mann loben, dass er sich so einbringt, finde ich das auch nicht besonders nett, denn ich bringe mich schließlich genauso ein, aber darüber muss ja leider kein Wort verloren werden, da das für eine Mutter sowieso selbstverständlich ist.
Sascha: Die krasseste Erfahrung war schon immer wieder, als die Kinder noch kleiner waren, und sich zum Spielen bei uns verabredet hatten, die Überraschung und dann auch das Unbehagen zu spüren, das manche Mütter mit Blicken oder Worten ausdrücken, wenn sie erfahren, dass sie jetzt ihr Kind ja in meine Obhut geben und meine Frau nicht da ist. Es ist eben längst noch nicht normal und gewohnt, dass Väter sich nachmittags um die eigenen Kinder und deren Besuch kümmern.

10. Was würdest Du Deinem jüngeren Ich mit auf den Weg geben, das weder Kinder hat noch in einer Partnerschaft lebt, wie es mit dazu beitragen kann, dass Equal Care gelingen kann?
Almut: Ich habe Glück gehabt. Wenn ich sehe, wieviele Jobs es gibt, wieviele ArbeitgeberInnen, die diese Aufteilung schwer machen, dann ist mir das im Rückblick manchmal etwas unheimlich, denn im Studium habe ich mir keine Gedanken gemacht, ob das, was ich mir vornehme, später einmal mit Familie gut zu vereinbaren sein wird. Deshalb würde ich mir mit auf den Weg geben: bleib in keiner Partnerschaft und in keiner Berufsbeziehung stecken, in der die Aufteilung von Care-Arbeit nicht für beide ein wichtiges Thema ist und sprich es öfter an, um nicht von Zufällen und Glück abhängig zu sein.
Sascha: Ich hatte noch Handarbeit in der Schule. Ich hab häkeln und stricken gelernt, hab mir mit Anfang 20 selbst Hosen genäht, angefangen zu kochen. Wir haben Obst, Gemüse und Kräuter im Garten. Wie das kam, weiß ich im Einzelnen gar nicht mehr, aber dieses Gefühl, für mich und meine Familie sorgen zu können, nicht mittelbar durch Geld, sondern unmittelbar, das ist gut. Da werde ich meine Kinder, gerade auch unseren Sohn unbedingt unterstützen, dass sie das können, für sich selbst sorgen, putzen, waschen, kochen, diese Grundfähigkeiten und -fertigkeiten des Lebens, unabhängiger zu sein von den industriellen Vorgaben, das finde ich wichtig.

11. Was wünschst Du Dir von Politiker*innen?
Beide: In der ganzen Debatte geht es uns viel zu sehr um den Ausbau von Kinderbetreuungsmöglichkeiten, damit auch die Mütter (!) ihre beruflichen Wünsche und Karrieren leben können. Und was ist mit den Kindern? Equal Care heißt ja nicht, alle Betreuungs-, Haushalts- und Pflegeaufgaben zu delegieren an Nannys, Putzperlen und die polnische Lösung, also an andere Frauen. Was wir wirklich brauchen, sind Arbeitszeitmodelle, eine Wirtschaftsstruktur, die es für alle Beteiligten möglich machen würde, Familie und Beruf zu leben und sich frei für ein partnerschaftliches Modell zu entscheiden oder eben auch nicht. Das soll ja kein Zwang sein, aber eine wirklich freie Wahl gibt es im Moment nicht.

12. Was wünschst Du Dir von anderen Entscheidungsträger*innen?
Sascha: Ich denke da vor allem an Werbung und Medien, gerade auch an die fiktionalen Darstellungen. Im Film ist das einfach überhaupt kein Thema. Da gibt es den 'idiot dad', der gar nichts auf die Reihe bekommt oder den Vater, der viel zu spät merkt, wie sehr er seine Familie vernachlässigt hat, und dann alles daran setzt, alles wieder gut zu machen. Aber wie genau er das dann umsetzt, das zeigt der Film nicht, weil mit der happy Familienzusammenführung hört der Film ja dann auf. Das liegt sicher daran, dass das Filmgewerbe nicht gerade zu den Arbeitsfeldern gehört, in dem Equal Care gelebt werden kann, vor allem aber scheint es den Verantwortlichen wohl einfach kein Thema, weil langweilig, spießig, was auch immer. Dabei ist Equal Care doch ein einziges Dilemma, ein fortwährender Kampf, ein echt aristotelisches Hollywood-Thema, finde ich.

13. Was wünschst Du Dir konkret für Deinen Alltag anlässlich des Equal Care Day 2017?
Sascha: Ich mag die Rechtfertigungen nicht mehr hören. Es müssen ja nicht alle so machen, aber es wäre toll, wenn da öfter eine klare Entscheidung dahinter stünde, dafür oder dagegen. Stattdessen werden so oft äußere Gründe vorgeschoben, warum was nicht geht. Wer etwas wirklich will, findet Wege, und wer etwas nicht will, findet Gründe ¯\_(ツ)_/¯
Almut: Ich will weder stolz sein, noch mich rechtfertigen müssen für unsere Aufgabenteilung, ich wünsche mir einfach, dass das bald normal wird. Keine Sprüche mehr von wegen: "Ja, ihr als Selbständige, ihr könnt das machen, aber … ", und ganz konkret wünsche ich mir ein bedingungsloses Grundeinkommen 🙂

 

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