Claudia

Claudia wohnt und arbeitet mit ihrem Mann und zwei Kindern in Süddeutschland. Sie leben kein Equal Care, denn der Versuch hat bei den beiden zu einem umgekehrten Rollenmodell geführt. Sie passen nicht unsere Reihe der Positivbeispiele, trotzdem wollen wir ihre Antworten hier vorstellen, da sie die gesellschaftlichen Widerstände gerade auch gegenüber fürsorglichen Vätern deutlich machen. Claudia möchte anonym bleiben.

photo credit: Chris B Richmond

Als wir im Sinne des Equal Care für eine 50:50 Aufteilung des Elterngeldjahres entschieden haben, hat das meinem Mann beruflich sehr geschadet. Deswegen arbeitet er auch nicht mehr in der ihm vertrauten Branche, in der er jahrelang tätig war, sondern musste und muss sich weiterhin beruflich komplett umorientieren. Darum bringe ich in Vollzeit als IT-lerin den Hauptteil des Geldes heim und mein Mann arbeitet auf 50% im Einzelhandel. Das bedingt derzeit eine relative Umkehrung der Rollen, aber mehr dazu in den Fragen.

1. Wie ist die CareArbeit bei Euch zuhause auf die Erwachsenen verteilt? Gibt es feste Zuständigkeiten?

Da ich als Frau mehr Stunden arbeite, übernimmt mein Mann fast den kompletten Haushalt. Bis auf gelegentliches Durchsaugen und die Spülmaschine übernehme ich kaum regelmäßige Arbeiten im Haushalt. Mein Mann übernimmt auch den Großteil der Kinderarzttermine, da seine Schichten im Einzelhandel in der Regel nachmittags und am Wochenende liegen. Auch die Kinderkranktage werden aus finanziellen und organisatorischen Gründen (er hat oft keine Schicht an diesen Tagen) von meinem Mann übernommen.
Ich übernehme im Hintergrund viele organisatorische Arbeiten, dazu gehört Besorgen von Kinderkleidung, Verkaufen von alten Kindersachen und das Orchestrieren von Terminen mit Familie und Freunden. Außerdem so ziemlich Alles was sich mit Finanzen und Steuern beschäftigt und Recherche für neue Anschaffungen.

Wenn es um die Kinder geht, sind wir beide gleich investiert. Wenn wir beide früh raus müssen, teilen wir uns das Aufstehen auf, wenn der Andere morgens frei hat, dann übernimmt dieser die Nachtschicht. Jeder achtet auf den Anderen, wenn wir also sehen, dass die Nerven des Einen schon am Limit sind, springen wir ein, egal wer gerade "dran" wäre.
Das ist für mich auch der zentrale Punkt. Wir sind ein Team und können der Belastung auch nur zusammen standhalten.

2. Warum teilt Ihr Euch anfallende CareArbeit untereinander auf? Welche Vorteile habt Ihr dadurch?

Wir haben ganz klar nach verfügbarer Zeit und Neigung aufgeteilt und da kommen auch die Vorteile her. Fair aufzuteilen heißt auch nachhaltig mit den Ressourcen der Beteiligten umzugehen. Es bringt niemanden was, wenn der/die Eine opferwillig die Belastung alleine schultert und dann irgendwann zusammenbricht. Das gilt für Care-Arbeit genauso wie den Gelderwerb. Auch die Belastung die finanzielle Existenz alleine zu schultern ist zu viel für Einen allein.

3. Welche Nachteile und Schwierigkeiten gibt es, welche Hürden?

Die Hölle das sind immer die Anderen. Wir leben derzeit noch in einer Gesellschaft, die die alten Rollenmodelle sehr ernst nimmt. Ich werde genauso kritisch beäugt, wie ich als Frau Vollzeit "hinbekomme", so wie auch mein Mann Klassenkeile erlebt hat, weil er für seine Kinder seine Job zurückgestellt hat. Umgekehrt würde niemand mit der Wimper zucken.

Als Markus Elternzeit beantragt hatte, wurde er vor die Alternative gestellt: gleich von selbst gehen oder nach Ablauf der Elternzeit eine Kündigung bekommen. Sich um sein Kind kümmern zu wollen, wurde ihm nämlich als "zu wenig engagiert" ausgelegt. Markus hat noch gehofft, im Lauf des Elternzeitjahres eine neue Stelle zu finden, wurde aber enttäuscht und hat sich dann umorientiert.

Und ich werde weiterhin als Frau zuerst angerufen, wenn etwas in der Betreuung ist und die Anzahl der Male, die ich in Vorstellungsterminen gefragt wurde, wie ich theoretische 18:00 Termine (die so seltenst eintreffen) wahrnehmen will...eine Schande in 2017.

4. Wäre es nicht praktischer, eine Person des Haushalts würde sich alleine darum kümmern und so auch den Überblick und die Verantwortung behalten?

Sicher wäre das manchmal praktischer, aber was heißt denn Haushalt? Da sind so viele Themenfelder betroffen, die man prima aufteilen kann, ohne dass man sich in die Quere kommt. Und es bleibt dabei...Aufteilung heißt nicht, dass man nicht konstant aufeinander achten muss. Eine Aufgabenverteilung bleibt nicht in Stein gehauen, sondern muss ständig dem Belastungszustand und der Sitauation angepasst werden. Elternsein ist Teamarbeit.

5. Wodurch / Wann stoßt Ihr an Grenzen der fairen Aufteilung?

Derzeit gerne an der Unterschiedlichkeit der Arbeitsrealitäten. Zwischen einem Bürojob mit Gleitzeit und Einzelhandelsschichten klaffen Welten. Ohnehin merkt man da auch sehr stark, dass unsere Familienpolitik immer nur aus dem warmen Büro gemacht wird. Mein Mann arbeitet auf dem Papier 50%, die Wahrheit ist aber, dass diese Stunden oft im Nachmittag oder am Samstag liegen. So sehr er sich im Care-Bereich engagiert...er ist halt arbeiten, wenn ich vom Vollzeitjob heim komme.
Natürlich gibt es darüberhinaus auch Phasen in denen die Kinder an einem Elternteil mehr hängen...und ja auch wenn man progressiv unterwegs ist, das ist häufig auch die Mutter.

6. Leben Kinder in Eurem Haushalt? Hat sich die Verteilung der CareArbeit verändert im Vergleich zur Zeit ohne Kinder?

Ja, drei...zwei Kinder 2 und 4 und ein Teenager mit 17 aus einer vorherigen Beziehung. Ich kenne das Leben und die Beziehung ohne Kinder nicht. Aber als ehemalige Alleinerziehende kann ich ermessen wie es ist die Care-Arbeit allein zu tragen und habe in der Beziehung auch klar gemacht, dass das in keinem Fall ein Idealzustand ist.

7. Was hat sich verändert mit dem Älterwerden der Kinder? Musste die Aufteilung in Frage gestellt und evtl. neu verteilt werden?
Da sind wir noch nicht, zumindest nicht mit den gemeinsamen Kindern. Aber aus der Erfahrung mit dem Ältesten. Es ist wichtig sich auch hier abzuwechseln und auch konfliktfreie Zeit mit den Kindern zu verbingen und das geht nur, wenn nicht einer ständig die Care-Brille aufhalten muss. Speziell in der Pubertät ist es ein häufiges Wechselspiel zwischen der schönen Erfahrung einen Heranwachsenden zu begleiten und notwendige Grenzen aufzuzeigen. Da ist es gut, wenn man mal aus der Schusslinie treten kann und einfach nur als Elternteil mit ins Kino geht.

8. Welche Reaktionen bekommst Duvon anderen für Dein Tun als Mann
Mein Mann fühlte sich häufig nicht in den Kreis der "Muttis" integriert. Er wird auch unter Männern wie Frauen häufig nur nach seinen beruflichen Plänen und Ambitionen befragt. Als wäre das was er für die Familie tut, eigentlich nicht genug, solange er nicht auch ordentlich Geld verdient.

bzw. als Frau
Auch ich störe die wortlos akzeptierte Ordnung. Vollzeit und Kinder und dann noch ambitioniert...da stimmt doch irgendwas nicht. Das gilt für den Job genauso, wie auch für Begegnungen im Kindergarten. Das ich nicht fröhlich bei jedem 15:00 Kinderkurs dabei sein kann, sondern "nur" der Papa...

9. Erzähle von einer Situation, ein Gespräch, in dem Du eine positive und eine, in dem Du eine negative Reaktion erfahren hast.
Positive Reaktionen habe ich häufig von Frauen mit erwachsenen Kindern. Gerne auch welche, die selber berufstätig sind oder auch alleinerziehend wurden. Eine Kollegin hat mir nachdem ich aus der Elternzeit zurückkam ausdrücklich dazu gratuliert, dass ich Vollzeit mache und mit meinem Mann eine progressiver Verteilung der Care-Arbeit lebe.
Negativ: "Was machen Sie wenn ein Meeting um 18:00 angesetzt wird?" Von einem Fragesteller, der verheiratet war mit zwei kleinen Kindern...ich hätte ihn gern geschüttelt.
Oder: "Was machen die Kinder, wenn du arbeitest?" Ja...die Antwort war "im Keller angebunden sein".

10. Was würdest Du Deinem jüngeren Ich mit auf den Weg geben, das weder Kinder hat noch in einer Partnerschaft lebt, wie es mit dazu beitragen kann, dass Equal Care gelingen kann?

Sucht Dir einen Job, der gut bezahlt wird und Dich auch alleine finanzieren könnte! Ja...es ist so profan. Die Anzahl der Male, die ich gehört habe, dass die Retraditionalisierung mit der Aufteilung der Elternzeit ("Mein Gehalt als Mann ist höher, deswegen nur zwei Monate") begann sind unzählbar.
Und: Such Dir einen Mann, der keine Angst vor einer starken Frau hat...und einer die mehr verdient als er.

Hab ich alles gemacht...insofern...puh! 😉

11. Was wünschst Du Dir von Politiker*innen?

Dass sie aus ihrem kuscheligen Büro heraus auch nicht Schichtarbeiter und Geringverdiener vergessen, denn Retraditionalisierung beginnt meist mit einer sehr nüchternen Betrachtung der Familienressourcen. Wenn Schichtzeiten und Einkommen recht klar den männlichen Einverdiener favorisieren, dann hilft auch eine Promoaktion nichts.
Außerdem soll der Staat, die Care-Arbeit, die er übernimmt, auch bitteschön anständig übernehmen.
Da spreche ich im Besonderen die Qualität der Ganztags-/Schulen und der Hausaufgabenbetreuung an den OGTS an. Kinder, die schlecht gefördert und ohne Hausaufgaben um 16:30 daheim ankommen, sind kein Zustand. Dies führt häufig dazu, dass selbst im Schulalter die Arbeitszeit reduziert wird (meistens von der Frau), um die nicht erfolgte Care-Arbeit (die eigentlich Bildungsarbeit ist) wieder aufzufangen.
Öffnungszeiten und Angebot von Ganztags-KiTa Plätzen ist auch nicht deutschlandweit ausreichend.

12. Was wünschst Du Dir von anderen Entscheidungsträger*innen?

Ich wünsche mir ganz konkret von den Entscheidungsträger*innen (machen wir uns nichts vor, meist sind es Männer), dass sie den alten Rollenvorstellungen den Kampf ansagen. Wer diskriminierende Fragen in Vorstellungsgesprächen stellt, hat sich zu verantworten. Wer Teilzeitler diskriminiert, oder Leute in Elternzeit auch. Ihr frustriert nur Know-How Träger und senkt die Arbeitsmotivation. Da kommt doch auch betriebswirtschaftlich nur Mist raus.

13.Was wünschst Du Dir konkret für Deinen Alltag anlässlich des Equal Care Day 2017?

Konkret für mich, eigentlich nichts. Wir haben uns gut organisiert...aber es war ein langer Weg bis dahin.

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