Kerstin

Kerstin arbeitet als freiberufliche Regisseurin und lebt mit ihrem Mann und ihren zwei Kindern in Hamburg.

1. Wie ist die CareArbeit bei Euch zuhause auf die Erwachsenen verteilt? Gibt es feste Zuständigkeiten?

Es haben sich nach einigen Jahren Zuständigkeiten von alleine etabliert, z.B. ich Wäsche und Organisiererei, er kochen und einkaufen. Fahrten zu Kindergarten und Schule und die Nachmittage im Alltag teilen wir 50:50

2. Warum teilt Ihr Euch anfallende CareArbeit untereinander auf? Welche Vorteile habt Ihr dadurch?

Dass niemand von uns einen Nachteil hat. Eher so herum. Denn auf die Sachen im Haushalt haben wir beide nur begrenzt Lust, natürlich wird geteilt. Und selbst wenn sich Zuständigkeiten etablieren, die Zeit, die im Haushalt investiert wird ist bei beiden gleich. Die Zeit mit den Kindern wiederum wollen beide gerne haben. Aber manchmal kann eben wegen der Arbeit nur einer Zuhause sein.

3. Welche Nachteile und Schwierigkeiten gibt es, welche Hürden?

Wir übernehmen keine Vorlage anderer Menschen oder vorheriger Generationen. Das heißt, dass wir uns besprechen und einigen müssen. Das kann auch anstrengend sein. Aber das gehört eben dazu. Letztlich sind wir sehr zufrieden, weil unsere Abmachungen unseren individuellen Wünschen, Bedürfnissen und Vorlieben entsprechen. So macht das Kümmern auch mehr Spaß.

4. Wäre es nicht praktischer, eine Person des Haushalts würde sich alleine darum kümmern und so auch den Überblick und die Verantwortung behalten?

Einmal in der Woche besprechen wir die kommende Woche. Das kostet 10 Minuten, ja. Aber dafür schmeißen wir das hier auf Augenhöhe und mit geteilter Verantwortung. Alles andere ist wie eine Falle, aus der man nicht mehr heraus kommt. Denn der andere hat ja den Überblick nicht und hat dadurch immer eine perfekte Ausrede. Es entstehen Abhängigkeiten, die nicht sein müssen.

5. Wodurch / Wann stoßt Ihr an Grenzen der fairen Aufteilung?

Ich stoße an meine Grenzen, wenn es um das handwerkliche geht oder um Dinge, die viel Kraft erfordern. An meine körperlichen Grenzen, aber viel öfter noch die meines Interesses. Ich hacke weder gerne Holz noch stütze ich gerne unsere morschen Dachbalken mit einer eigens gebauten Konstruktion. Ich werkel auch nicht gerne im Motorraum. Und da wir ein sehr altes Haus besitzen und ein sehr altes Auto, fallen da viele Arbeiten an. Wenn diese Arbeiten mein Mann erledigt, bin ich automatisch für die Kinder da. Andererseits haben wir auch Großeltern in der Nähe, so dass ich Freiräume haben kann, wenn viele Arbeiten an Haus und Auto anstehen. Manches machen wir dann auch gemeinsam zu zweit.

6. Hat sich die Verteilung der CareArbeit verändert im Vergleich zur Zeit ohne Kinder?

Ja, die Zuständigkeiten haben sich etabliert. Das Zusammenspiel musste sich ökonomisieren und dann kam das von ganz alleine.

7. Was hat sich verändert mit dem Älterwerden der Kinder? Musste die Aufteilung in Frage gestellt und evtl. neu verteilt werden?

Unsere Umstrukturierungen hingen eher mit wechselnden beruflichen Phasen zusammen und weniger mit dem Älterwerden der Kinder. Aber schon auch. Abstillen ist ein Wendepunkt. Und dann auch die Selbstständigkeit der Kinder. Sie haben mittlerweile erste eigene Aufgaben im Haushalt.

8. Welche Reaktionen bekommst Du von anderen für Dein Tun als Mann/
bzw. Frau?

Aus meiner Beobachtung bekommt mein Mann immer mal wieder Anerkennung und Lob, dass er mir ermöglicht, auch zu arbeiten. Ich bekomme so etwas nie zu hören. Ab und zu bin ich blockweise ganz weg und arbeite in einer anderen Stadt. Das Umfeld reagiert dann mitleidig, als wäre es eine Zumutung für Mutter und Kinder, wenn der Vater eine Weile übernimmt. Es geht aber weniger darum, dass sie dem Vater Kompetenzen absprechen, sondern mehr darum, dass von der Mutter eine Allgegenwärtigkeit erwartet wird.

Die Kommentare kommen von anderen Müttern oder sogar von der Verkäuferin an der Käsetheke, wenn ich ausnahmsweise einkaufen gehe, was sonst mein Mann macht: (abfällige Tonlage) „Ach, lerne ich die Mutter auch mal kennen“. Ein anderes Thema ist, dass mir in meinem Berufsumfeld ab und an allen Ernstes geraten wird, mit meiner Weiblichkeit zu kokettieren. Doch das ist sicher nicht der Weg, durch den ich beruflich vorwärts kommen möchte.

9. Erzähle von einer Situation, ein Gespräch, in dem Du eine positive und eine, in dem Du eine negative Reaktion erfahren hast.

Ab und zu werde ich von Kollegen gelobt, die staunen, was ich alles unter einen Hut bekomme.

10. Was würdest Du Deinem jüngeren Ich mit auf den Weg geben, das weder Kinder hat noch in einer Partnerschaft lebt, wie es mit dazu beitragen kann, dass Equal Care gelingen kann?

Seine Sprache zu überdenken, besonders die Sprache, die man Kindern gegenüber benutzt. Letztens sagte eine Schuhverkäuferin, als ich für meinen 7 jährigen Sohn Hausschuhe kaufen wollte, dass sie keine mehr in seiner Größe habe. Ich sagte dann: „Doch, diese roten sind doch in seiner Größe“. Sie antwortete vor meinem Sohn: „Ich hatte nur nach Jungsfarben geschaut“.
All diese kleinen Zuweisungen verstärken die Geschlechterklischees und erschweren den Kindern außerordentlich den Zugang zum Bereich des Kümmerns, weil er angeblich weiblich ist. So wie die Farbe rot (eigentlich alles was nicht blau oder grün oder schwarz oder braun ist) für die Welt der Frauen vorbehalten ist.

11. Was wünschst Du Dir von Politiker*innen?

Bessere Ausbildung der Erzieher/innen, die den Kindern das Stecken in Schubladen ersparen.

12. Was wünschst Du Dir von anderen Entscheidungsträger*innen?

Dass niemals vorformuliert wird, ob etwas für Jungs oder für Mädchen ist (Spielzeug, Sportarten etc.)

13. Was wünschst Du Dir konkret für Deinen Alltag anlässlich des Equal Care Day 2017?

Ich wünschte, meine Kinder würden weniger mit unüberdachten Zuweisungen konfrontiert werden. Und ich wünschte, die Männer würden aufhören zu sagen „Dein Mann kann das, weil er Lehrer ist, in meinem Beruf ginge das nicht“, sondern sich für Elternzeit und Stundenreduzierung einsetzen.

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