Eine neue Studie zum PayGap beim Taschengeld

Jedes Jahr, wenn der Equal Pay Day begangen wird (der nächste liegt auf dem 18.März 17), beginnt sie von Neuem, die Diskussion um den Gender Pay Gap. Eine neue Studie widerlegt erneut alle Argumente, die je nach Wetterlage mal lauter, mal leiser gegen den Lohnunterschied aufgrund des Geschlechts hervorgebracht werden und Initiativen den Wind aus den Segeln nehmen wollen. Die fünf beliebtesten noch einmal kurz zusammengefasst:

  1. "Aber es sind doch gar keine 21%, es sind doch "nur" x* % Unterschied!" *beliebige Zahl 0<x<21
  2. "Frauen fallen nun mal wegen der Kinder länger aus, das liegt in der Natur der Sache."
  3. "Frauen wählen häufiger Halbtagsstellen, soll das auch noch belohnt werden?"
  4. "Frauen wählen die falschen Jobs, selbst Schuld, wenn sie in Branchen einsteigen, in denen nun mal weniger verdient wird"
  5. "Frauen verhandeln eben schlechter!"
Fotocredit: Foto, (license)
Foto via photopin, (2.0 license)

Zu 1)  -  Eigenartige Strategie, einen Missstand widerlegen zu wollen, als ob weniger Unterschied kein Unterschied und damit fair wäre. Und wenn der Unterschied nur bei 3% liegt, hat der Equal Pay Day doch trotzdem seine Berechtigung!

zu 2) + 3)  -  Frauen kümmern sich häufiger um Kinder, Kranke, Alte, Pflegebedürftige - soll das auch noch bestraft werden? (Wir verweisen dezent auf den Equal Care Day, eine der Hauptursachen für den PayGap.)

zu 4)  -  Stimmt nicht, auch in MINT-Berufen verdienen Frauen weniger als ihre Kollegen, in derselben Branche, in vergleichbarer Position.  > Studie

zu 5) - stimmt nicht. Weder fragen sie seltener nach einer Gehaltserhöhung, noch verhandeln sie defensiver. > Studie

Mädchen bekommen weniger Taschengeld als Jungen

Wer weiterhin argumentiert, Frauen seien selbst Schuld, dass sie im Durchschnitt weniger verdienen als Männer, möge einen Blick in die Kinderzimmer werfen. Schon hier gibt es den Gender Pay Gap: Mädchen bekommen im Durchschnitt weniger Taschengeld als Jungen.

Das zeigte schon eine Studie in 2009, auch in einzelnen Städten wurden Unterschiede belegt (z.B. in Frankfurt a.M.), und jetzt zeigt eine neue: bei den 16-25 Jährigen beträgt der Unterschied 19%. Jungen dieser Altersspanne in Deutschland haben im Durchschnitt 345 Euro zur Verfügung und Mädchen 291 Euro - für 44% ist das Taschengeld der größte Posten.

Keins der o.g. Argumente greift:

Eigenen Nachwuchs, um den sich gekümmert werden muss, gibt es bei Kinder noch nicht (auch bei den bis zu 25-Jährigen wohl eher die Ausnahme als Ursache für den Gap), auch keine zu pflegende Schwiegermutter. Am falschen Beruf kann es auch nicht liegen, dass Mädchen weniger Taschengeld bekommen. Möchte jetzt noch jemand an Punkt 5 festhalten und den Gender Pay Gap damit begründen, dass Mädchen eben zu schlecht über die Höhe ihres Taschengelds verhandeln? Verlangen wir also wirklich von Mädchen, gefälligst selbst darum zu kämpfen, mehr Geld zu bekommen, damit Erwachsene keinen Unterschied machen, wenn sie Kindern den Umgang mit Geld vermitteln und ihnen eigenes zur Verfügung stellen?

Und es gibt eine weitere Erklärung, warum die Spanne über das Taschengeld hinaus noch größer wird, warum Jungen insgesamt mehr Geld zur Verfügung haben als Mädchen: Töchter müssen sich häufiger um jüngere Geschwister kümmern als Söhne. Jungen werden stattdessen mehr Jobs im Haushalt zugewiesen (z.B. Rasenmähen, Auto putzen) die den Erwachsenen offenbar Geld wert sind, ganz im Unterschied zum Wickeln, Schuhe binden, Zähne nachputzen, Brei löffeln. Womit wir wieder beim Equal Care Day wären…

 

 

1

Gastbeitrag von Tine Haubner

Foto , cc by Oiluj Samall Zeid
Foto , cc by Oiluj Samall Zeid

Angehörige stemmen in der BRD nach wie vor den Großteil häuslicher Pflegearbeit: 2013 wurden mehr als zwei Drittel aller Pflegebedürftigen (das entspricht 71% oder 1,86 Millionen) häuslich versorgt, davon 47% ausschließlich informell durch Angehörige und 23% in einer Kombination aus ambulanten Diensten und Angehörigen (Statistisches Bundesamt 2015). Die Angehörigen können dabei nicht nur als „größter Pflegedienst der Nation“ (vgl. Klie 2014), sondern vor allem als kostengünstigster Anbieter pflegerischer Versorgungsdienstleistungen gelten ─ und sie sind überwiegend Frauen. Die Mehrheit der pflegenden Angehörigen ist weiblich, zwischen 40 und 64 Jahre alt, verheiratet, durchschnittlich mindestens 20 und bis zu 40 Stunden pro Woche in die Pflege eingebunden und pflegt im Schnitt zwischen fünf und acht Jahre lang. Mehr als die Hälfte versucht dabei, Erwerbsarbeit und Pflege zu vereinbaren ─ ein Anspruch, der einer Quadratur des Kreises gleicht, denn mit einem wöchentlichen Zeitaufwand von bis zu 84 Stunden entspricht die häusliche Pflege mitunter sogar mehr als einer Vollzeiterwerbstätigkeit (Blinkert/Klie 2006).

Gesundheitliche Belastung und Armutsrisiko

Die Übernahme von Pflegeverantwortung ist deshalb für viele Frauen mit dem vollständigen Abbruch der Erwerbstätigkeit und Inkaufnahme finanzieller Nachteile verbunden, vor allem wenn es um die zeit- und kraftzehrende Betreuung demenzkranker Angehöriger geht, die nur minimal mit Leistungen der Pflegeversicherung „ergänzt“ wird. Zu diesen arbeitsmarktbezogenen Nachteilen kommt, dass pflegende Angehörige zahlreichen Gesundheitsbelastungen ausgesetzt sind: Sie klagen über eine Schwächung des Immunsystems, die Erhöhung des Blutdrucks und der Herzfrequenz, leiden unter depressiven Symptomen und Beziehungsproblemen und weisen insgesamt mehr körperliche und psychische Beschwerden auf als die Durchschnittsbevölkerung (vgl. Fringer 2011). Frauen pflegen dabei nicht nur am häufigsten, sondern sind im Vergleich mit pflegenden Männern stärker belastet und erleben subjektiv auch mehr Stress. Häusliche Pflege zu übernehmen, bedeutet also insbesondere für Frauen, sich enormen Belastungen auszusetzen und nicht selten Armut zu riskieren.

und was unternimmt der Staat?

Einem „aktivierenden Staat“, der an einer Geringhaltung der Pflegekosten interessiert ist, kommt diese „privatistische Pflegekultur“ (Evers 1997) äußerst entgegen. Aus diesem Grund sucht er unter dem Druck von demographischem Wandel und Fachkräftemangel, die Pflegeübernahme von Angehörigen, Freunden, Nachbarn, Ehrenamtlichen ─ kurzum möglichst kostengünstigen „guten Geistern“ ─ verstärkt zu fördern (Dyk et al. 2016). Um dieses „informelle Pflegepotenzial“ zu erhalten und auszubauen, wird nämlich vom Gesetzgeber eine bemerkenswerte Wahlfreiheit in Bezug auf materielle Anreize und professionelle Entlastung geboten. So besteht für Leistungsberechtigte der Pflegeversicherung eine für die Gesundheitsversorgung beispiellose Option: Sie können zwischen Sachleistungen, Geldleistungen oder einer Kombination beider wählen. Auf der anderen Seite wurden systematische Zugangsbeschränkungen in Bezug auf die vollstationäre Pflege erlassen. So werden Leistungen für eine vollstationäre Versorgung nur dann gewährt, wenn häusliche Versorgung nicht möglich ist, außerdem müssen die Kosten für Unterkunft und Verpflegung privat getragen werden und die familiären Hilfeleistungen gelten gegenüber der Inanspruchnahme sozialer Dienste als „obligatorisch“. Trotz Wahlfreiheiten entscheidet sich allerdings noch immer die Mehrheit der pflegenden Angehörigen für Geldleistungen und das, obwohl deren Wert nur beinahe die Hälfte der gewährten Sachleistungen beträgt. Warum ist das so? Weil u.a. die Pflegeversicherung als Teilkaskoleistung nur einen Bruchteil der anfallenden Kosten übernimmt und weil sich die pflegerische Versorgung von Menschen nicht in modularisierter Minutenpflege erschöpft.

Es sind demnach nicht nur das vierte Gebot und eine geschlechtsspezifische Rollenverteilung, die überwiegend weibliche Angehörige zur Pflegeübernahme motivieren, sondern schlicht finanziell bedingte und dem jeweiligen Pflegebedarf korrespondierende Zwänge, die aus politischen und ökonomischen Rahmenbedingungen resultieren. Häusliche Pflege durch Angehörige ist damit nicht nur ein weiteres Beispielterrain geschlechtsspezifisch ungleich verteilter häuslicher Sorgearbeit. Sie verdeutlicht zudem den Einfluss eines nationalspezifisch „konservativen“ Pflegeregimes, welches die steigenden Pflegebedarfe einer alternden Bevölkerung noch immer erfolgreich in die Obhut privater Haushalte, und dabei überwiegend an Frauen, delegiert.

Tine Haubner arbeitet am soziologischen Institut in Jena, wo sie u.a. zu Sorgearbeit und ihrer Krise lehrt und forscht.

Daneben engagiert sie sich im bundesweiten Netzwerk Care Revolution.


------------------------------------------

Literatur:
Evers, Adalbert (1997): Geld oder Dienste? Zur Wahl und Verwendung von Geldleistungen im Rahmen der Pflegeversicherung. In: WSI Mitteilungen. 7. S. 510-518.

Statistisches Bundesamt (2015b): Pflegestatistik 2013. Pflege im Rahmen der Pflegeversicherung. Deutschlandergebnisse. https://www.destatis.de/DE/Publikationen/
Thematisch/Gesundheit/Pflege/PflegeDeutschlandergebnisse5224001139004.pdf?__blob=publicationFile Abrufdatum: 21.03.2016.

Klie, Thomas (2014): Wen kümmern die Alten? Auf dem Weg in eine sorgende Gesellschaft. München: Pattloch.

Blinkert, Baldo/Klie, Thomas (2006): Die Zeiten der Pflege. In: Zeitschrift für Gerontologie und Geriatrie. 39. S. 202-210.

Fringer, André (2011): Pflegenden Angehörigen ehrenamtlich helfen. Bürgerschaftliches Engagement im Spannungsfeld öffentlicher Interessen. Marburg: Tectum.

Dyk, Silke v./Dowling, Emma/Haubner, Tine (2016): Für ein rebellisches Engagement. In: Blätter für deutsche und internationale Politik. 2. S. 37-40.

Der PayGap sei eine Mär, die Debatte rund um den Equal Pay Day sei überholt, es sei doch eigentlich (wenn überhaupt) ein Kinder-Gap, eine Benachteiligung derer, die der Familie wegen zurücktreten, egal ob Mann oder Frau. (Quelle Fokus; Quelle DieZeit; Quelle fischundfleisch)

Doch erst gestern noch habe ich einen Tweet meiner Timeline weiterverbreitet, über eine Studie mit dem Fazit: Steigt der Frauenanteil, sinkt der Lohn, "Wo viele Frauen beschäftigt sind, meinen Arbeitgeber offenbar, weniger zahlen zu müssen." (>zum Artikel)

Auffällig auch: Wer den PayGap als verlogenen Rechenfehler outen möchte, lässt Studien zu Gender Status Beliefs völlig außer acht (z.B. das Heidi Roizen-Experiment). Und sollte es tatsächlich keine glaubwürdige Gegenstudie geben zur Aussage, Frauen ohne Kinder spürten so gut wie keinen #PayGap (0-2% Lohnlücke), so ist doch die Aggression zwischen den Zeilen erstaunlich: Lüge, feministische Rechentricks, können nicht logisch denken, Ideologie…

Sagen wir also, es gibt gar keine ungleiche Bezahlung zwischen Mann und Frau, ignorieren wir also den Renten-PayGap von 60%, der sei eben verursacht durch Teilzeit und Ehegattensplitting und hätte nichts mit ungleicher Bezahlung zu tun. Lassen wir auch mal außen vor, dass Männer früher und in größerer Zahl in Führungspositionen landen, selbst in Bereichen, in denen mehr Frauen arbeiten (z.B. Kita), dass Auszeiten wegen Kindern bestraft werden, dass (unsichtbare) CareArbeit (zu 80% von Frauen ausgeführt) in unserem Lohnsystem nur wenig zählt. Was bleibt: der Verdienst in MINT-Berufen ist höher als in Berufen mit geisteswissenschaftlichem Studium, und wer Steine hebt bekommt eine Zulage, wer dagegen Menschen hebt, der_m ist das in die Wiege gelegt. Und so werden mit kräftiger finanzieller Unterstützung des Gendermarketing Puppen wieder verstärkt als Mädchenspielzeug und Technikbaukästen als "Jungsinteressen" verkauft - und die Mehrheit der Erwachsenen stimmt dem zu.

bügeln

In der Debatte um den PayGap heißt es dann:

Wenn all das trotzdem kein Anlass sein soll, an einem EqualPayDay auf einen PayGap aufmerksam zu machen, weil doch die Ursache - nur? - in den Rollenbildern liegt, es ein FamilienGap ist, ein Sich-um andere-KümmernGap, beruflich wie privat. Dann bleibt doch trotzdem: das Gap. Das Weniger-Rente-Gap, das weniger Geld-zur-Verfügung-Gap, das Weniger-Mitspracherecht-durch-weniger-gut-dotierte-Stelle-Gap. Warum also die Gegenwehr? Warum nicht Vorschläge, wie die Misere so formuliert und thematisiert werden könnte, dass es keine Missverständnisse darum gibt? Dass wir uns gemeinsam dran machen könnten, diese Lücken, wie auch immer eins sie benennen möchte, zu verkleinern?

Und nur mal so nebenbei: Bloß weil es eine stichhaltige Erklärung für einen Missstand gibt, bedeutet das schließlich nicht, dass die Ungerechtigkeit damit aus der Welt sei, sie ist immer noch vorhanden.

Die gute Nachricht: Wer sich also an der Berechnung des EqualPayDay, dem Vergleich des bloßen Bruttoeinkommens stört und lieber über Rollenbilder sprechen möchte, kann sich ja gerne in Zukunft auf den Equal Care Day konzentrieren.

Die schlechte Nachricht: auch beim GenderCareGap liegt die Ursache an der ungleichen Verteilung von Last und Lohn.

 

Foto , cc by Tengrain
Foto , cc by Tengrain

 

Nachtrag vom 2.4.16: Auch die hier zitierte Studie zeigt, dass es selbst im gleichen Berufsfeld eine genderpaygap gibt: "when it comes to women's pay, computer programming is the most unfair occupation in America. On average, a woman makes 28 percent less than a man with the same job -- and the same education, years of experience and age, among other factors"

(Dieser Artikel wurde zuerst auf mach-mir-die-welt.de veröffentlicht)