Gibt es eigentlich Männer, die auf die Frage nach einem Vorbild, eine Frau nennen würden?

Sibylle Berg

Frau Berg wohnt als Dramatikerin, Schriftstellerin und Regisseurin in Zürich. Und gibt keine Ruhe, bis alle Menschen gleichberechtigt sind. Oder Frau Berg verstorben.

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Ohne Equal Pay kein Equal Care

frauenrat"Die bezahlte (Frauen-)Arbeit an Menschen, die professionelle Sorgearbeit, wird gegenüber der (Männer-)Arbeit an Maschinen bis heute strukturell geringer bewertet. Diese geschlechtsspezifische Arbeitsteilung begründet einen Teil der geschlechtsspezifischen Entgeltlücke. Sie rührt daher, dass auch die unbezahlte Sorgearbeit überwiegend von Frauen geleistet wird und so eine Konkurrenz der unbezahlten zur bezahlten Arbeit entsteht. Die Wertschätzung für beides hält sich in Grenzen, hier gelegentlich ein warmer Händedruck für ehrenamtliche Arbeit, dort zu geringe, nicht leistungsgerechte Löhne. Somit taucht auch der tatsächliche gesellschaftliche Wert der vielen Milliarden Stunden unbezahlter Sorgearbeit in volkswirtschaftlichen Berechnungen und in den Sozialkassen gar nicht auf. Und die Lohnlücke unterbezahlter Erwerbsarbeit auch nicht.
Die Geringschätzung von Frauen und ihrer Arbeitsleistung führt zu Entgeltdiskriminierung – und zum Equal Care Gap. Ein Teufelskreis, den wir endlich durchbrechen müssen."

Foto Credit: Inga Haar
Foto Credit: Inga Haar

Hannelore Buls ist Vorsitzende des Deutschen Frauenrats

"Der Bedarf an sozialen Praxen der Selbstsorge und des Sorgens für andere ist sehr groß und wächst aus demographischen Gründen zunehmend. Daraus ergibt sich aus meiner Perspektive als übergeordnetes diskurs- und realpolitisches Ziel die gesellschaftliche Aufwertung ‚sorgender Verantwortung‘. So ist es dringend geboten, personennahe Dienstleistungen durch bessere Bezahlung, eine höhere soziale Anerkennung und bessere Ausbildungs- und Aufstiegsmöglichkeiten aufzuwerten. An  anderer Stelle, habe ich mit meinem Kollegen Jens Krabel für eine öffentlichkeitswirksame diskursive Forderung einer Männerquote im Care-Bereich votiert und vorgeschlagen, diese mit einer Frauenquote auf der Leitungsebene zu verknüpfen. Gleichzeitig sollten passende Anlässe dafür genutzt werden, für diese Quoten einzutreten. Wir haben den ‚Weltfrauentag‘, den ‚Equal-Pay-Day‘, die verschiedenen nationalen und internationalen Männertage und auch den Girls’ Day bzw. den Boys’ Day als gut geeignet befunden, um öffentlichkeitswirksam für eine Männer-Quote im Care-Bereich zu streiten. Alle vier Jahre ein ‚Equal-Care-Day‘ scheint mir, - vor allem organisatorisch betrachtet - eine noch deutlich bessere Idee zu sein! Mit einem öffentlichkeitswirksamen Diskurs verbinde ich die Hoffnung, dass die weiterhin vorhandenen geschlechtsbezogenen Ungerechtigkeiten, aber auch die Vereinbarkeitsproblematik von Männern im öffentlichen Diskurs sichtbar und damit politisch bearbeitet werden."

Michael Cremers

Michael Cremers

Sozialwissenschaftler; seit 2010 inhaltliche Leitung der an der Katholischen Hochschule für Sozialwesen in Berlin angegliederten  Koordinationsstelle ‚Männer in Kitas‘, die mittlerweile in Koordinationsstelle ‚Chance Quereinstieg / Männer in Kitas‘ unbenannt wurde.

Beziehungsarbeit wird heutzutage gerne in die Duzi-Duzi-Ecke verbannt und diffamiert. Mit der Verwechslung von Mensch und Maschine hängt zusammen, dass Begegnungen in Beziehungsberufen nicht mehr stattfinden. Es wird versucht, Momente des Angewiesenseins, der Bedürftigkeit, der Brüchigkeit durch einen technischen Zugang zu bekämpfen.

In diesem Kontext wurde in unserer Gesellschaft Zeit – auch für existentiell bedeutsame Situationen – wegrationalisiert. Die Zeit der therapeutisch Handelnden: Hebammen, Pflegekräfte ... – gilt es zurück zu erobern. Vor diesem Hintergrund fordere ich für unsere Gesellschaft eine neue Kultur der Begegnung! Darüber hinaus sollten wir in eine neue Kultur der zwischenmenschlichen Angewiesenheit investieren!

Denn letztlich wird nämlich für die Menschen, die Beziehungsarbeit leisten die Frage aufkommen: wenn wir uns selbst als potentiell verwert- und ausbeutbaren Bestand sehen, ob wir dann nicht auch Gefahr laufen, die uns Anvertrauten schließlich auf dieselbe Weise zu verstehen.

Beziehungsgestaltung ist keine Sentimentalität sondern leibliche Nahrung. Die Personen, die in Beziehungsberufen tätig sind, arbeiten meiner Auffassung nach weder mit dem Bauch, noch als erleuchtete Expertinnen für Esoterik oder Mystik. Vielmehr setzen sie sich mit ihrer leiblichen Seinsweise ein und das bedeutet, dass sie imstande sind Stimmungslagen, Atmosphären und Befindlichkeiten zu registrieren, häufig schneller als intellektuell zu durchdringende Informationen, welche durch Eindeutigkeit respektive Klarheit bestechen. Damit leisten diese Menschen im Gesundheitswesen, welches mit seinem rein naturwissenschaftlichen Ansatz mittlerweile eine subjektlose Erkenntnis anstrebt, einen bedeutsamen Beitrag - denn die Dichtigkeit unserer Wirklichkeit lässt sich nicht in Algorithmen fassen.

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Prof. Dr. Sabine Dörpinghaus

Professorin für Hebammenkunde
Gründungsmitglied des Kölner Kreises für humane Geburtskultur

 

 

 

 

Meine Tochter kam zu uns, als sie eben drei Jahre alt geworden war. Es gab also keine Schwangerschaftserfahrung, keine Stillerfahrung und auch nicht die Babybetreuungszeit. Wir hatten ausgemacht, das Kind halbe-halbe zu betreuen, aber als das KInd erschien war, zack, alles anders als verabredet, weil das Kind eine Wahl traf. In der ersten Woche, in der sie bei uns war, schloss unser Tochter sich meinem Mann an. Wir waren noch in Sri Lanka, sie saß den ganzen Tag auf seinem Schoss, und ich durfte das Unterhaltungsprogramm machen für sie. Und ihn. Nach einer Woche wechselte sie plötzlich un dich wurde ihre erste Bezugsperson. Das ist aufschlussreich, denn man fragt sich, woher dieses Verhalten kam und was unsere Tochter angeleitet oder empfunden haben mag. Sie war in einem Kinderheim aufgewachsen, in dem es eigentlich nur Frauen gab. Und keine Stillvorgänge, die sie sonderlich hätte beobachten können. Dennoch wollte sie eben dieses Stillen mit mir nachspielen. Sie wollte mein Kind werden - und das schien dazuzugehören. Ihr Vater kam in diesem Aspekt nur "von außen" vor. Insofern waren wir unversehens in einer ähnlichen Situation wie in einem leiblichen Eltern-Kind-Verhältnis auch. Wenn er mehr Kontakt mit dem Kind gewollt hätte, hätte er ihn aktiv herstellen müssen. Aber es schien "natürlich", dass dem nicht so war. Wobei die Frage nun lautet, wo dieses "natürlich" herkommt. Was für Bilder, vielleicht gar nicht so sehr in ihrem Kopf, als in seinem und meinem, haben das auch mit gesteuert, diese Entscheidung? Was zu dem Gedanken und der Frage führt: wer ist bereit, innerlich, so und so viel zu übernehmen? 
    Dort die Absprache halbe-halbe, und da da sKind: und, das fand ich sehr spürbar, andere Kräfte wurden wirksam, in uns, den Erwachsenen: Rollenklischees, Selbstbilder, Erwartungen, die eigene Erfahrungen als KInd mit Vater oder Mutter, Onkeln oder Tanten. Entscheidend für unser Verhalten und die "Praxis": Wer nämlich bringt dann im Alltag wi viel Kraft und Durchhaltevermögen auf?

Und dann noch dieses unwillkürliche Moment, das sich auch bei mir einstellte: das Ohr stellte sich auf die Frequenz des Kindes ein. Ich wache auf, es ist auch heute noch so, wenn mein Kind in seinem Schlafzimmer weint. Alle anderen schlafen weiter. Meine Tochter weint leise, wenn sie einen schlechten Traum hat, und ich, die ich sonst tief schlafe und jedes Gewitter überhöre, fahre aus dem Bett. Beiihrem Vate rist das ga rnicht erst eingetreten. Und woran liegt das jetzt? Die Natur? Was ist hier Natur? Ist es nicht doch eher das Gefühl, wirklich verantwortlich und zuständig zu sein?

Foto Credit: marie luise noltenius
Foto Credit: marie luise noltenius

Ulrike Draesner

Lyrikerin und Autorin

 

"Aus Studien wissen wir, dass offenbar der Gerechtigkeitssinn der
Durchschnittsmänner nicht ausreicht, das Gendercaregap zu verringern,
sondern zwei Fakten vor allem zu einer gerechteren Verteilung von
Familienarbeit beitragen: 1) eine höhere Frauenerwerbsbeteiligung und 2)
ein höherer Anteil des Frauenverdienstes am Haushaltseinkommen. Das
heißt für mich, dass es neben dem Appell an Männer, sich mehr zu
beteiligen, immer noch mehr und passendere Kinderbetreuungsangebote
braucht (ein Rechtsanspruch auf einen Halbtagsplatz reicht nicht!) und
effektivere Maßnahmen gegen den Gender Pay Gap, der in Deutschland auch
immer noch unzumutbar hoch ist."

fotografa/berlin
fotografa/berlin

Anke Domscheit-Berg

Publizistin, Netzaktivistin, Unternehmerin, Beraterin des World Future Councils.
Autorin u.a. des Buches "Ein bisschen gleich ist nicht genug! Warum wir
von Geschlechtergerechtigkeit noch weit entfernt sind. Ein Weckruf"

 

„Wie selbstverständlich sind es immer noch vorwiegend die Frauen, die sich um die Erziehung der Kinder oder die Pflege von Angehörigen kümmern.

Mit fatalen Auswirkungen: Über die Hälfte der Frauen arbeiten in Teilzeit- oder Minijobs. Frauen werden für die gleiche und gleichwertige Arbeit schlechter bezahlt als ihre männlichen Kollegen. In Führungspositionen von Wirtschaft und Politik sind Frauen stark unterrepräsentiert. Die Vereinbarkeit von Familie, Pflege und Beruf wird immer noch vorrangig als „Frauen-Problem“ dargestellt.

Doch die Lebenswirklichkeit von jungen Menschen hat sich geändert. Das alteModell: Der Mann bringt das Geld nach Hause, die Frau kümmert sich um Haus und Kinder und verdient dazu, entspricht schon lange nicht mehr den Wu¨nschen der heutigen Eltern.

Mütter wie Väter wollen heute beides: Zeit für den Beruf und Zeit für die Familie. Um dies zu erreichen, brauchen wir eine partnerschaftliche Aufteilung der Berufs- und Familienpflichten.

Partnerschaft auf Augenhöhe sorgt dafür, dass beide – Frau und Mann – arbeiten und damit den eigenen Lebensunterhalt sichern können, dass sie die Hausarbeit gerecht verteilen und beide sich um pflegebedürftige Angehörige und gemeinsame Kinder kümmern ko¨nnen.

Ein zentrales Ziel sozialdemokratischer Gleichstellungspolitik ist es, eine partnerschaftliche Lebensweise von Frauen und Männern zu ermöglichen. Daher unterstützen wir SPD-Frauen den Equal-Care-Day.“

Elke Ferner

Elke Ferner

Bundesvorsitzende der Arbeitsgemeinschaft Sozialdemokratischer Frauen (ASF)

 

"Wer glaubt, dass die Diskriminierung von Frauen mit dem Erreichen einer bestimmten Karrierestufe endet, irrt gewaltig. Die Ungerechtigkeiten manifestieren sich häufig im familiären Umfeld und zeigen sich besonders deutlich beim Thema Pflege. Frauen leisten hier schon wieder den Löwenanteil. #EqualCareDay ist eine sehr gute Initiative um darauf aufmerksam zu machen. #GenderEmpathy könnte dabei Teil des Lösungswegs sein. Es geht um Bewusstmachung der komplementären Kraft der Geschlechter, denn nur gemeinsam können die vielen Herausforderungen des Lebens bewältigt werden."

Foto Credit: Dieter Bühler
Foto Credit: Dieter Bühler

Robert Franken

ist Feminist und Digitaler Potenzialentfalter. Er schreibt und spricht zum Thema #GenderEmpathy und lebt mit seiner Familie in Köln.