„Frauen studieren genauso häufig wie Männer und machen die besseren Abschlüsse. Doch sobald ein Kind die moderne Familie bereichert, oder ein Pflegefall in der Familie auftritt, kehren viele zu alten Rollenmustern zurück. Meistens ist das rational mit dem Lohngefälle zwischen Vater und Mutter begründet. Noch immer übernehmen viele Frauen aus diesem Grund - oder weil es ihr Wunsch ist - einen Großteil der unbezahlten Sorgearbeit: Sie holen die Kinder von der Kita ab, singen, malen und spielen nachmittags mit ihnen und kümmern sich am Abend nicht selten noch um die gebrechlichen Eltern. Viele Frauen schwenken daher auf Teilzeitarbeit um oder bleiben ganz zu Hause. Dabei wünschen sich viele Mütter mehr zu arbeiten und viele Väter mehr Zeit mit der Familie. Dies zu ermöglichen ist Aufgabe von Politik.
Wir Grünen wollen Familien in ihrem Alltag unterstützen und ihnen Gestaltungsspielräume schaffen. Dazu gehört in erster Linie eine gute und flexible Kinderbetreuung, Ganztagsschulen und Teilhabe an Kultur und Sport. Außerdem wollen wir das Elterngeld mit dem grünen Konzept der KinderZeitPlus weiterentwickeln: Jedes Elternteil erhält dabei acht Monate Unterstützung – weitere acht Monate können sie sich frei untereinander aufteilen (8+8+8). In den ersten 12 Lebensmonaten des Kindes können beide Elternteile – nacheinander oder gleichzeitig – für maximal zwölf Monate vollständig aus dem Beruf aussteigen. Danach federt die KinderZeit eine Arbeitszeitreduzierung finanziell ab. Alleinerziehenden stehen die vollen 24 Monate zur Verfügung. Die KinderZeit gibt Eltern damit größere Entscheidungsspielräume, erleichtert Müttern einen schnellen Wiedereinstieg in den Job oder die Ausbildung, unterstützt eine vollzeitnahe Teilzeit beider Eltern nach dem ersten Lebensjahr eines Kindes und eine gleichberechtigte Aufteilung der Sorgearbeit zwischen Müttern und Vätern.
Um auch in der Politik die Flexibilität zu gewährleisten, die es braucht, um Abgeordnete und Mutter oder Vater zu sein und für beide genug Zeit zu finden, haben wir die Initiative „Eltern in der Politik" gegründet. Als Abgeordnete verschiedener Parteien treten wir dafür ein, dass die Sonntage sitzungsfrei bleiben, viele Veranstaltungen auch zusammen mit unseren Kindern besucht werden können und wir uns selbst verpflichten, fair mit anderen Eltern umzugehen, wenn sie Termine aus familiären Gründen nicht wahrnehmen können. Außerdem achten wir auf Effizienz in den von uns geleiteten Sitzungen. Wir wollen damit einen Beitrag dazu leisten, dass überall die Care Arbeit aufgewertet wird.“

Franziska Brantner

 

Dr. Franziska Brantner, Kinder- und Familienpolitische Sprecherin der Bundestagsfraktion von Bündnis 90/ Die Grünen.

 

Lisa Paus

 

Lisa Paus, Co-Vorsitzende der AG Familienpolitik der Bundestagsfraktion von Bündnis 90/ Die Grünen.

 

 

Anja Hagenauer

Solange Frauen zugeschrieben wird, dass sie von Natur her für Carearbeit besser geeignet sind, ändert sich nur langsam etwas. Solange viele Männer es nicht als männlich ansehen Carearbeit zu leisten, ändert sich nur langsam etwas. Darum brauchen wir den Equal-Care-Day um schneller zu Gleichstellung in der Carearbeit zu kommen.

Anja Hagenauer

Bürgermeister-Stellvertreterin der Stadt Salzburg - Soziales, Diversität

 

image003„Wir müssen ein Bewusstsein dafür schaffen, was wesentlich ist im Leben. Die sogenannten helfenden Berufe, zu denen das Hebammenwesen gehört, sind der Kitt unserer Gesellschaft. Care-Berufe und Frauenarbeit sind mehr wert!“

 

Martina Klenk

Martina Klenk

Präsidentin des Deutschen Hebammenverbandes e.V.

 

"Kindererziehung braucht Männer und Frauen! Equal Care Day bietet die Gelegenheit, Frauen und auch Männer auf der ganzen Welt für ihr unermüdliches Engagement in diesem Bereich zu ehren und gleichzeitig auf ein großes Ungleichgewicht bei der Arbeitsverteilung hinzuweisen. Im 21. Jahrhundert gibt es noch viel Arbeit zu tun, bis Männer im gleichen Maße an Kindererziehung und -betreuung beteiligt sind wie Frauen. Gleichzeitig gibt es großen Fortschritt. Für mehr und mehr Männer ist es vollkommen normal, Elternzeit zu nehmen und die Aufgaben gerecht aufzuteilen. Diesen Trend unterstützen wir mit Freude und aller Kraft!"
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Vincent-Immanuel Herr und Martin Speer (Herr & Speer)

Aktivisten, Autoren und Feministen aus Berlin

 

Ich weiß, du willst helfen

aber du weisst nicht wie

Ich weiß, du willst abhauen

aber das könntest du nie

Es ist okay

jeder soll helfen der kann

Wenn du die Scherben aufhebst

zieh dir Handschuhe an

 

Aus: 'kaputt' von 'Wir sind Helden'

Judith Holofernes

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"Ich hab eine Ausbildung gemacht zum Zahnarzthelfer und war der einzige Mann im Jahrgang unter ungefähr 400 Frauen. Als ich fertig war, bekam ich als einziger keinen Job. Ein männlicher Zahnarzthelfer passte nicht ins Bild, damals nicht und heute auch nicht. Eine solche Assistenz muss funktionieren, sich einordnen und formbar sein, sich auch mal rumkommandieren lassen, ohne aufzumucken. Das hat man mir wohl nicht zugetraut, dass ich mich so würde behandeln lassen, weil funktionieren, unterordnen, zurückstecken eben als weibliche Eigenschaften angesehen werden, ich als Mann dagegen als Macher, Macker und unabhängig, ein potenzieller Unruhestifter. Ein stereotyper Eindruck, der durch meine schwarzen Haare, Augen und dunklere Hautfarbe, durch meine Herkunft verstärkt wird.

Wo auch immer ich mich heute engagiere, ob in der Flüchtlingshilfe, in der Vorstandsarbeit der Roma-Community, in Ehrenämtern, immer sind Frauen in der Mehrheit. Ob das immer freiwillig und selbstbestimmt so passiert? Im individuellen Fall hoffentlich schon, aber dieses Missverhältnis zeigt eben: Frauen werden in unserer Gesellschaft als diejenigen angesehen, die sich kümmern, die Familie und Gemeinschaft zusammenhalten, sich emotional und handelnd verantwortlich fühlen. Frauen und Männer werden in diese Gesellschaft hineingeboren, sie werden in diese Rollen hineingedrängt.
Und das schränkt auch mich als Mann ein. Dieses Missverhältnis schränkt uns alle, Frauen und Männer ein, es schränkt unsere Kinder ein. Es ist eine Form von Diskriminierung, die wir viel zu selten als solche erkennen und stattdessen mit 'Natur' und 'Biologie' erklären. Aber das stimmt nicht. Wir können das ändern, wenn wir nur wollen, ernsthaft wollen: Deshalb unterstütze ich die Initiative zum Equal Care Day!"Gianni

Gianni Jovanovic

ist LGBT-Aktivist, Flüchtlingshelfer und Queer-Roma

In Familien mit behinderten Kindern sind Klischees zugespitzt zu spüren, auch die Rollenzuschreibungen rund um die nötige Care-Arbeit. "Eine Mutter gehört zum Kind – gerade, wenn es behindert oder chronisch krank ist.“ – Die Konfrontation mit dieser gesellschaftlichen Konvention musste ich immer wieder erleben. Aber Inklusion muss auch bedeuten, dass Eltern gleichberechtigt arbeiten dürfen – auch, wenn ihr Kind pflegebedürftig ist.

Mareice Kaiser
Foto (c) Carolin Weinkopf

Mareice Kaiser

arbeitet als freie Journalistin und Autorin in Berlin. Sie ist Mutter von zwei Kindern, mit und ohne Behinderung. Seit Anfang 2014 bloggt sie auf Kaiserinnenreich.de

Ihr Beitrag zum Thema Equal-Care

Anni Rennock, Katholische Frauengemeinschaft Deutschlands

[Foto: KAY HERSCHELMANN Mobil: +49 (0)171 26 73 495 email: Kay.Herschelmann@t-online.de]
"Am 29.02.2016 wird zum ersten Mal der Equal-Care-Day begangen: Da Frauen in einem Jahr soviel Carearbeit erledigen wie Männer in vier Jahren, wurde der Schalttag festgelegt, um den Zeitpunkt zu markieren, an dem sie bereits die vierfache Menge im Vergleich zu Männern geleistet haben. Gleichberechtigte Teilhabe an dieser existentiell notwendigen Arbeit sieht anders aus. ‘Care‘ ist für das menschliche Zusammenleben unverzichtbar, denn Grundlage eines guten Lebens ist ein gepflegter und strukturierter Haushalt. Auch Mitmenschlichkeit zeigt sich vor allem in der Versorgung von Bedürftigen. Doch nach wie vor tragen Frauen trotz gestiegener Erwerbsbeteiligung die Hauptlast und Verantwortung für die schlecht und oft unbezahlte Care-Arbeit. Die kfd fordert daher im Sinne einer gleichberechtigten Teilhabe von Frauen und Männern, dass Männer die Möglichkeit haben, Care-Kompetenzen zu entwickeln. Und damit die Vereinbarkeit von Familie und Erwerb für Männer und Frauen besser gelingt, setzt die kfd auf haushaltsbezogene Dienstleistungen, sofern sie fair, legal und für private Haushalte bezahlbar sind."

Anni Rennock

Sprecherin des Ständigen Ausschusses „Hauswirtschaft und Verbraucherthemen“ im Bundesverband der Katholische Frauengemeinschaft Deutschlands (kfd) und Mitglied im kfd-Bundesvorstand.

 

"Wir leben in einer Gesellschaft, in der Care-Arbeit kaum als Arbeit wahrgenommen wird. Das Problem ist nicht nur die fehlende Anerkennung dieser nicht-bezahlten Arbeit, sondern, dass sie hauptsächlich von Frauen geleistet wird. Die ungleiche Verteilung der Tätigkeiten zwischen den Geschlechtern bildet einen Knotenpunkt des Patriachats.kipping_02_photocultur
Ich möchte das nicht hinnehmen und habe mich deswegen entschieden, in die Offensive zu gehen. Die Lektüre von Texten von Frigga Haug zur Vier-in-einem-Perspektive schulte mich dabei. Ich versuche meine eigene Praxis der Vier-in-Einen-Perspektive anzunähern, also Erwerbsarbeit, politische Einmischung, Sorgearbeit und Muße zusammenzubringen.
Als ich eine Tochter bekam, war für meinen Partner und mich klar, dass wir uns die Erziehungsarbeit fifty-fifty teilen. Nach dem Mutterschutz nahm ich die Arbeit als Abgeordnete wieder auf. Damals hatte meine Tochter einen Stillrhythmus von drei Stunden. Die Ausschusssitzungen, die ich zu leiten hatte, dauerten allerdings in der Regel 3,5 Stunden. Da blieb anfangs eine Differenz von 30 Minuten, die lang werden konnten. Doch das Kind wurde größer und der Stillrhythmus auch. Als meine Tochter sieben Monate alt war, wurde ich Parteivorsitzende.
Für mich war von Anfang klar, solch eine Herausforderung gilt es auch zu nutzen, um einen bescheidenen Beitrag zur Verschiebung des Standards zu leisten. So erzählte ich offensiv in jedem Interview, dass ich sehr darauf achte – von einigen Ausnahmen abgesehen – jeden Tag vier Stunden mit meiner Tochter zu verbringen. Um das zu schaffen, hieß es Prioritäten bei Terminen zu setzen und eine wichtige Vokabel zu lernen: Nein. – und zwar Nein zu Terminanfragen. Und ich machte klar, dass Termine nach 16 Uhr extrem begründungsbedürftig sind. Übrigens nicht nur wegen mir, sondern auch wegen der Mitarbeitenden, von denen einige auch Kinder haben. Wenn ein Abendtermin unverzichtbar ist, versuche ich wenigstens den Nachmittag mit meiner Tochter zu verbringen.
Dabei ist mir bewusst geworden, dass nicht diejenigen, die Familie und Beruf unter einen Hut bringen, sich rechtfertigen müssen. Nein, diejenigen, die eine 90-Stunden-Job-Woche haben, gehören kritisch befragt. Wer sieben Tage die Woche arbeitet und locker eine 90-Stunden-Woche aufzuweisen hat, der kann sich– rein mathematisch – ja nur vor wichtigen Tätigkeiten jenseits der Erwerbsarbeit drücken. Eine 90-Stunden-Woche erlaubt faktisch keine Verantwortung für bzw. Zuwendung zu anderen Menschen.
Doch natürlich klappt das auch in meinem Fall nicht immer alles reibungslos. Zum Leben mit Kindern gehört das Unplanbare. Kinderkrankheiten richten sich halt nicht nach Zeitplänen und Redaktionsschlüssen. In der Nacht, in der der Koalitionsvertrag ausgehandelt wurde, hatte meine Tochter Husten, sodass ich kaum zum Schlafen kam. Die Pressekonferenz zur Kritik des Vertrages am nächsten Morgen fiel mir dementsprechend schwer.
Es bedarf einer radikalen Umverteilung der Tätigkeiten auch zwischen den Geschlechtern. Frauen und Männer brauchen gleichermaßen Zeit für Familie, Erwerbsarbeit, politische Teilhabe und Muße. Für eine lebendige Demokratie, für eine verantwortungsvolle Fürsorge und für eine geschlechtergerechte Arbeitsteilung braucht es eine Diskussion um die Verteilung von Zeit und Arbeit in unserer Gesellschaft. Ich bin sehr dankbar, dass der Equal-Care-Day diese Diskussion anstößt."
Katja Kipping, Vorsitzende der Partei Die Linke

 

 

 

Care-Arbeit muss dringend eine ihrer gesellschaftlichen Bedeutung angemessene Wertschätzung erhalten. Doch auch bis es soweit ist, darf es nicht allein an Frauen hängen bleiben, die Küche zu putzen und mit krankem Kind Termine abzusagen. Männer drücken sich noch immer viel zu oft um die Erledigung dieser Sorgeaufgaben.

Jochen König

… ist Autor und lebt mit seinen beiden Töchtern in Berlin. Sein Buch “Mama, Papa, Kind? Von Singles, Co-Eltern und anderen Familien” ist 2015 im Herder-Verlag erschienen.

Jochen König