"Frauen tüteln zu Hause oder in der Kita oder im Pflegeheim rum, Männer befahren die Weltmeere, führen Kriege oder fordern einander verbal auf den Tribünen und Kanzeln der Parlamente, Forschungszentren, Kirchen und Konferenzen heraus. Frauen sind heute schon immer mal dabei, gut so. Aber sie haben noch lange nicht aufgeschlossen, und ihre Neigung zu Pflegeberufen ebenso wie die Scheu der Männer vor diesen Tätigkeiten sind kein gutes Zeichen."

Ausschnitt aus 'Das Leid mit den Pflegeberufen', Emma Mai/Juni 2014

Barbara Sichtermann

Barbara Sichtermann

ist Buchautorin und Journalistin, ihre Themen sind Erziehung, Frauenemanzipation und Medien. Jüngst erschien: Sternstunden verwegener Frauen, gemeinsam mit Ingo Rose, im Verlag Ebersbach und Simon.

 

 

Klopapier ist alle

In einem Haushalt lebend, in dem die Väter die intellektuelle- oder Ausshließlichlohnarbeit erledigten, war ich daran gewöhnt meine Mutter den kompletten Haushalt stemmen, voll lohnarbeiten, die Familien 360Grad-umsorgen zu sehen. Meine ältere Shwester war shon als Kind übermäßig pflichtbewusst und beteiligte sich neben meiner Mutter stehend, wo sie nur konnte.
Ich quälte mich durch meine kleinen Aufgaben im Haushalt. Meine Mutter musste viel diskutieren mit mir. Die Väter befanden sich als nicht zuständig, hinter der Zeitung oder auf der Lohnarbeit.
Ich muss so zwölf gewesen, als meine Mutter unter all der Mehrfachbelastung hervor diese eine Formulierung droppte, die mir zumindest retrospektiv die Augen öffnete: „Ich will nicht, dass man mir im Haushalt hilft. Es ist nicht meine Aufgabe, bei der ich netterweise Unterstützung erhoffen kann. Wir alle leben hier. Wir alle sind verantwortlich.“

Es ist so ein einleuchtend, aber so wenig verinnerlicht:
Wir alle sheißen in ein Klo. Also sind wir alle auch zuständig es zu putzen, sofern wir alt genug dafür sind.
Gesellshaftliche Dominanzstrukturen versuchen diese simple Logik zu unterlaufen. Entlang der Frage von Geshlecht etwa, oder aber der Bildungsbiographie.
Man stelle sich vor, da sagt ein Mann zu der Mutter seiner Kinder: „Ich bin der Akademiker und du putzt das Sheißhaus.“
Sozialverträglicher, charmanter, euphemistisher könnte es heißen: „Die Oma freut sich besonders, wenn Du sie zu den Arztbesuchen begleitest. Du kennst dich auch viel besser aus mit ihrem Blutdruck.“
Ausnahmslose Reproduktion. Jeden Tag. Man wünsht sich vier Köpfe und acht Arme. Und sechs Shultern, um die Verantwortung auf sich selber aufzuteilen und überhaupt tragen zu können. Unzählige Sensoren, um in der Verantwortung nicht auszurutshen.
Reproduktive- und Pflegearbeit fällt eigentlich nur dann auf, wenn sie nicht erledigt wurde. Der Behördentermin vergessen. Die Wäshe nicht gewashen. Das Geburtstagsgeshenk nicht besorgt. Der Kühlshrank nicht gefüllt. Die Wohnung nicht gesaugt. Der Elternabend nicht besucht. Das Klopapier nicht gekauft. Das Essen nicht gekocht. Den Opa nicht zur Dialyse gefahren.

Manchmal gibt es auch Äußerungen, die klingen sollen wie Anerkennung. Meine Mutter arbeitet in einer Werkstatt mit Menshen mit untershiedlichsten shweren Behinderungen. Ich will gar nicht wissen, wie oft sie gehört hat: „Also ich könnte das nicht.“ Sie nennt sich zynish darauf reagierend manchmal selbst „Fütterin und Arshabwisherin“. Das ist, was die Leute in ihrem Job sehen und „nicht könnten“. Alles Soziale, Zwishenmenshliche, Produktive, Emanzipatorishe und Wissensbasierte geht zwishen zu wechselnden vollgeshissenen Windeln unter in der Außenwahrnehmung.
Aber nicht nur Geshlecht und Klasse interagieren miteinander in dieser Hinsicht.
Im Zuge der so genannten Flüchtlingskrise versuchen einige Stimmen den ignoranten offenen Rassist*innen den sozio-ökonomishen Aspekt der neuen Situation als Zugewinn shmackhaft zu machen: Die shlecht bezahlten und dringend zu besetzenden Pflegejobs können ja zukünftig von all den ankommenden Flüchtlingsfrauen gewissenhaft erledigt werden.
Ein Problem weniger. Und man muss nicht mal was an den Strukturen ändern.
Praktish.

sookee
Sookee aka Quing of Berlin, Rapperin, Feministin

Wenn der Boden sich auftäte

„Mein tägliches gesichertes Sein verdankte ich Louise. Sie kleidete mich morgens an, zog mich abends aus und schlief nachts im gleichen Zimmer wie ich. Jung, ohne Schönheit und ohne Geheimnis, da sie – so glaubte ich wenigstens – nur dazu da war, über mich und meine Schwester zu wachen, erhob sie niemals die Stimme, niemals schalt sie uns ohne Grund. [...] Ihre Gegenwart war für mich notwendig und erschien mir natürlich wie die des Bodens unter meinen Füßen.“
So schreibt Simone de Beauvoir in ihren „Memoiren einer Tochter aus gutem Hause“ über Louise, ihr – wie man damals sagte – Kindermädchen. Wenn über Care-Arbeit gesprochen wird, dann oft als eine Form „unsichtbarer Arbeit“: Sie wird erledigt, aber kaum wahrgenommen oder nicht richtig wertgeschätzt, und muss immer wieder neu anfangen, ohne je die angemessene Anerkennung zu erhalten.
Die Rede von Unsichtbarkeit finde ich manchmal etwas unglücklich, auch wenn klar ist, was sie bedeuten soll. Vielleicht ist Beauvoirs Sichtweise  da hilfreich, wenn sie die Gegenwart von Louise mit dem Boden unter ihren Füßen vergleicht: Niemand denkt die ganze Zeit an den Boden. Aber alle brauchen ihn und sehen oder fühlen ihn, und laufen oder rollen auf ihm rum – und in den schlimmsten Alpträumen und Horrorszenarien tut er sich auf und man stürzt in ein Loch, und nicht viel anders wäre es, wenn all die Care-Arbeit, die tagtäglich von Menschen geleistet wird, verschwinden würde. Fast hätte ich „unermüdlich“ geschrieben, aber es stimmt nicht: Es macht müde, und es macht noch müder, je weniger zurückkommt.

Foto Credit: Esra Rotthoff
Foto Credit: Esra Rotthoff

Margarete Stokowski ist Autorin.

Sie schreibt für die taz, die Zeit und andere. Ihre Kolumne auf Spiegel Online heißt „Oben und unten“.

Eine sehr pfiffige Person…

… aka die Netz-Kunstfigur „Barbara“ hat kürzlich einen sehr gescheiten Satz gepostet: „In einer gerechten Welt würde eine Altenpflegerin genauso viel Lohn erhalten wie ein Bundesligaprofi.“ Dem ist eigentlich nichts mehr hinzuzufügen. Außer, dass der Equal-Care-Day für mich nicht nur ein wichtiger Tag ist, um darauf aufmerksam zu machen, dass Care-Arbeit nicht die Wertschätzung erfährt, die ihr zusteht und sich immer noch viel zu wenig Männer beispielsweise in Pflegeberufen engagieren. On top sollte der heutige Tag dafür genutzt werden, um die Menschen zu feiern, die mit ihrer Care-Arbeit unsere Gesellschaft erst gesellschaftsfähig machen. Daher: High Five, Chapeau und Knicks!

Tarik Tesfu

hat in Wien Publizistik- und Kommunikationswissenschaften sowie Gender Studies studiert. Sein Studium hat er selbstbestimmt (ohne Abschluss) beendet und hüpft seit 2015 als Gender-Messias durchs Netz. Seine Botschaft: Genderlove!

Foto (c) Nadine Schwickart
Foto (c) Nadine Schwickart