Der Equal Care Day

bezieht sich auf private, berufliche und ehrenamtliche Carearbeit.

Er macht auf die mangelnde Wertschätzung und ungleiche Verteilung dieser Arbeiten aufmerksam: Den Großteil dieser Arbeit übernehmen Frauen, mit 80% also 4x so viel wie Männer. Deshalb wird der Equal Care Day nur alle 4 Jahre, im Schaltjahr am 29.2. begangen.

In Auswertungen wird in der Regel getrennt nach Arbeiten im Haushalt, nach privater bzw. beruflicher Pflege, nach Familienarbeit, also privater Kinderbetreuung vs. berufliche Erziehung, Kita, Grundschule etc… Eine zusammenfassende Studie oder statistische Auswertung zum Gender-Care-Gap insgesamt, die gibt es unseres Wissens nicht.

Für unser Buch 'Die Rosa-Hellblau-Falle' haben wir viele Erhebungen und Untersuchungen zusammengefasst:

  • 86% der Pflegekräfte in Krankenhäusern sind weiblich
    (https://www.destatis.de/DE/PresseService/Presse/Pressemitteilungen/zdw/2012/PD12_010_p002.html)

 

  • über 80% der Beschäftigten in Gesundheitsberufen sind Frauen

(Arbeitsmarktberichterstattung der Bundesagentur für Arbeit 2011; da sind auch alle Ober- und Chefärzte mitgerechnet, die mit Pflege nun eher wenig zu tun haben)

 

  • über 90% weibliche Lehrkräfte an Grundschulen in NRW
    (www.it.nrw.de, Landesbetrieb Information und Technik Nordrhein-Westfalen)

 

  • 97,6% weibliche Erzieherinnen in Kitas bundesweit
    (Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend 2015)

 

  • Frauen verbringen doppelt bis dreimal so viel Zeit mit Kinderbetreuung
    (WSI-Report 11/2014, je nach beruflicher Arbeitszeit der Eltern, deutliche Unterschiede zwischen Ost & West)

 

  • Care-Arbeit in Prozent laut OECD Gender Brief, 2010:
    bei einem Kind Männer 6%, Frauen 14%
    bei zwei und mehr Kindern Männer 8%, Frauen 21%

 

  • dazu die Zahlen zum Gender-Gap bei bezahlter und unbezahlter Arbeit, laut OECD: Frauen 270 min unbezahlte Arbeit pro Tag, 30 h bezahlte Arbeit pro Woche (Männer 160 min / 40 h)

 

Es gibt dazu noch viele weitere Quellen, die insgesamt ein ungefähres 4:1 Verhältnis bei CareArbeiten belegen. Aber  ob die 80% sich damit statistisch korrekt berechnen lassen? Uns geht es um die Symbolik des Tages, um den eklatanten Gender-Care-Gap und die mangelnde Wertschätzung dieser Arbeit. Beide bleiben bestehen, auch wenn es nur ein 70% zu 30% Verhältnis sein sollte.

 

Frau Rabe ist Doktorandin in Molekularer Medizin, Herr Rabe Softwareentwickler mit fester Anstellung. Sie arbeiten beide norwegische Vollzeit, also 37,5 Stunden die Woche. Dort leben sie mit ihren beiden kleinen Kindern. Über ihren Alltag bloggen sie als Herr und Frau Rabe auf rabensalat.blog

 

  1. Wie ist die Care-Arbeit bei Euch zuhause auf die Erwachsenen verteilt? Gibt es feste Zuständigkeiten?

    Herr Rabe: Für viele Dinge gibt es bei uns keine festen Zuständigkeiten, aber spontan fallen mir doch ein paar kleinere ein. So putzt z.B. Frau Rabe das Terrarium der Schnecken, ich hingegen putze den Kaminofen und trage Holz aus dem Keller in die Wohnung. Und obwohl Frau Rabe gerne öfter auf Twitter etwas anzünden möchte mache ich hier meistens das Feuer im Ofen an. Dafür hat Frau Rabe das Holz bestellt und die Lieferung organisiert.
    Frau Rabe: Joa, im Grunde passt das so. Ich backe Brot, Herr Rabe putzt die Fenster und macht 90% der Kinder-Brotdosen. Wichtig ist glaube ich, dass wir beide meistens nicht den Eindruck haben, mehr als der jeweils andere zu tun.

  2. Warum teilt Ihr Euch anfallende Care-Arbeit untereinander auf? Welche Vorteile habt Ihr dadurch?

    Herr Rabe: Im Prinzip habe ich zwei Gründe. Erstens Fairness, denn in einer Beziehung sollten sich beide an der Care-Arbeit gleich beteiligen. Zweitens bin ich schon so erzogen worden und kann nicht anders. Meine Mutter hat darauf geachtet mir alles beizubringen was für ein selbstständiges Leben wichtig ist. Gerne sagte sie zu mir – wenn wir zB. am Bügelbrett standen – „Junge, entweder du kannst es selber oder Du musst Dir später eine Frau suchen, die das alles für Dich erledigt.“ Letzteres klang für mich schon immer abwegig und viel zu einschränkend, also lernte ich. Und außerdem macht es mir auch Spaß Dinge selber zu erledigen.
    Frau Rabe: Ich möchte fast entgegnen: Ich verstehe die Frage nicht. Ich habe nie ernsthaft darüber nachgedacht, Hausfrau zu sein. Für mich ist eine gleichwertige Beteiligung an der Care-Arbeit in einer Partnerschaft so selbstverständlich wie nur irgendwas. Insofern sehe ich da auch keine Vorteile drin, sondern das Herstellen eines normalen Soll-Zustands. Umgekehrt würden mir aber einige Nachteile bei einer ungleichen Aufteilung einfallen.

  3. Welche Nachteile und Schwierigkeiten gibt es, welche Hürden?

    Herr Rabe: Bei schlechten Absprachen kann es zu Unzufriedenheiten kommen.
    Frau Rabe: Ja, der einzige Nachteil ist für mich auch ein hoher Orga-Aufwand. Man muss sich immer absprechen, wegen jedem Pups. Wer geht mit dem Kind zum Arzt, wer zum Schwimmkurs, wer kauft ein, wer macht die Einkaufsliste, wer spricht mit der Babysitterin ab, ob sie am Wochenende kommen kann. Die Liste ist endlos. Kleine, feste Zuständigkeitsbereiche (so wie mit dem Holz oder dem Brot) erleichtern das ein bisschen.

  4. Wäre es nicht praktischer, eine Person des Haushalts würde sich alleine darum kümmern und so auch den Überblick und die Verantwortung behalten?

    Herr Rabe: Für mich wäre das nichts. Wir sind hier ein Team. Keine Hierarchien und so ?
    Frau Rabe: Naja, aber praktischer wäre es schon. Langweilig, ungerecht, kurzsichtig, aber praktisch.

  5. Wodurch / Wann stoßt Ihr an Grenzen der fairen Aufteilung?

    Herr Rabe: Unterschiedliche Erfahrungsgrade mit Dingen. Wenn irgendwas kaputt geht, bin dann doch ich es, der es repariert. Einerseits bin ich da ziemlich selbstsicher, andererseits kann ich das auch nicht gut delegieren. Und mit zwei Kindern kann man sowas auch nicht mehr so gut zusammen machen wie früher, da halt einer die Kinder beschäftigen muss.
    Frau Rabe: Bei mir ist es ein leichter Kontrollzwang. Ich bin ein Orga-Mensch. Ich reiße gerne so Sachen wie Urlaubsplanung (oder Holzlieferung) an mich, präsentiere dann irgendwann Herrn Rabe eine fertig befüllte mehrseitige Exceltabelle mit allen Pros und Cons und Preisen und durchschnittlichem Niederschlag und bin dann unzufrieden, wenn Herr Rabe da nicht auf Anhieb durchblickt oder sich auch nicht für irgendwas entscheiden kann. Und Krankheit halt. Aber das kann ja genauso auch immer eine klassische Rollenverteilung ins Wanken bringen.

  6. Leben Kinder in Eurem Haushalt? Hat sich die Verteilung der Care-Arbeit verändert im Vergleich zur Zeit ohne Kinder?

    Herr Rabe: Es hat sich etwas verändert, früher haben wir mehr Dinge wirklich zusammen erledigt. Heute muss einer die Kinder bei Laune halten während der andere Dinge tut.
    Frau Rabe: Hmm ja. Mehr zu tun und weniger Zeit es zu tun. Und wir waschen unsere Wäsche nicht mehr getrennt, seit wir Kinder haben! Jetzt wäscht halt jeder mal den Korb weg, der grade am vollsten ist.

  7. Was hat sich verändert mit dem Älterwerden der Kinder? Musste die Aufteilung in Frage gestellt und evtl. neu verteilt werden?

    Herr Rabe: So alt sind sie noch nicht. Veränderungen gab es bisher nur durch die Geburt der Kinder.
    Frau Rabe: Innerlich habe ich echt gefeiert, als die Kleine abgestillt war. Nächtliches Stillen schlaucht. Und die Flasche nahm sie auch nie. Da war also ein echtes Ungleichgewicht und als es wegfiel, kippte es erstmal in die andere Richtung, nach dem Motto: ich habe ein Jahr lang nicht durchgeschlafen, jetzt bist Du dran mit Banane füttern. Inzwischen hält es sich so etwa die Waage, denke ich. Und die nächtlichen Fressattacken der Kinder werden ja auch seltener.

  8. Welche Reaktionen bekommst Du von anderen für Dein Tun als Mann bzw. als Frau?

    Herr Rabe: Wir leben ja in Norwegen. Zwar sind wir hier nicht nur wegen der Vereinbarkeit von Beruf und Familie, aber ein bisschen schon. Und was soll ich sagen, dass klappt hier wirklich gut. Mit der gleichberechtigten Aufteilung bin ich hier kein Sonderfall, sonderen eher Durchschnitt.
    Frau Rabe: Ja, das stimmt. Wir sind hier jedenfalls keine Sonderlinge wegen unseres Familienmodells. Im Kindergarten zum Beispiel trifft man (sofern die Eltern der Kinder zusammen leben) eigentlich immer beide Partner, weil alle es so machen wie wir auch: ein Elternteil bringt, das andere Elternteil holt ab. Genauso läuft es bei der Arbeit ab: jede*r mit Kindern muss mal früher weg, weil Kindkotzt/Schulaufführung/Kadertraining.

  9. Erzähle von einer Situation, ein Gespräch, in dem Du eine positive und eine, in dem Du eine negative Reaktion erfahren hast.

    Herr Rabe: Bis jetzt kann ich mich nur an positive Situationen erinnern. Entweder gab es keine negativen Reaktionen oder ich habe das nicht mitbekommen. Obwohl, an eine negative Erfarung von vor Michels Geburt kann ich mich gut erinnern. Wir waren auf einem Flohmarkt für Kinderklamotten unterwegs um uns mit Ausstattung einzudecken. An einem Stand wurde uns, bzw. eher nur an Frau Rabe gerichtet ein Wickelbody empfohlen, denn „damit könne sogar der Vater das Kinde wickeln“. Auch heute noch finde ich es eine Frechheit mir, bzw. Vätern generell, die Fähigkeit abzusprechen, sich um seine Kinder zu kümmern.
    Frau Rabe: als negative Reaktion könnte ich den Klassiker anbringen: als ich, damals noch in Deutschland, meinem Chef verkündete, ich sei schwanger, fragte er mich nach der Gratulation, wie viele Jahre ich denn zu Hause bleiben wolle. Als ich sagte, ich hätte so an sieben Monate nach der Geburt gedacht, damit wir die Elternzeit fair aufteilen könnten, kam ein belächelndes „Jaja, warte mal ab, wenn das Baby dann da ist…“. Positive Reaktionen kriege ich wenn überhaupt nur indirekt an den Mann adressiert mit: „Ach, das ist ja auch toll, dass sich die jungen Väter heutzutage so einbringen.“ (Von meiner Oma.) Meine Mutter hat uns gelobt dafür, dass wir das so gleichberechtigt hinbekommen. Aber zählt das, wenn die eigene Mutter das sagt?

  10. Was würdest Du Deinem jüngeren Ich mit auf den Weg geben, das weder Kinder hat noch in einer Partnerschaft lebt, wie es mit dazu beitragen kann, dass Equal Care gelingen kann?

    Frau Rabe: Haha, ich könnte höchstens sagen: mach du mal, das passt schon. Such dir nen Partner, der die Dinge so sieht wie du. Dem Zeit wichtiger ist als Geld, der aber auch weiß, dass Geld nicht auf Bäumen wächst. Und der bügeln kann, das lernst Du nämlich in diesem Leben wohl eher nicht mehr.
    Herr Rabe: Ich bin eigentlich mit mir ganz zufrieden, so wie es ist, von daher würde ich auch einfach sagen, mach das, was du machst.

  11. Was wünschst Du Dir von Politiker*innen?

    Frau Rabe: in Deutschland wäre das: 1. Mehr Elterngeld. Ich meine: wir leben hier in einem Land mit echt hohen Löhnen. Und trotzdem bekommt man in Norwegen mindestens 80% des vorherigen Nettoeinkommens als Elterngeld, für 59 Wochen. Alternativ 100% für 49 Wochen. Dann gilt nämlich auch das Argument nicht mehr, dass ein Partner nicht länger als 2 Monate zu Hause bleiben kann, weil dann zu viel vom Haushaltseinkommen wegfällt. Um das zu unterstreichen, könnte man die, ähäm, „Vätermonate“ ausweiten. 2. Mehr gute und bezahlbare Kinderbetreuung. Obwohl hier alles andere sehr teuer ist, ist Kinderbetreuung vom Preis her ok. Geradezu günstig. Und das bei einer Qualität, die ich nicht mehr missen möchte. Der Betreuungsschlüssel unserer KiTa ist 1:3,5. Welcher Kindergarten in Deutschland schafft das schon? Und dass Eltern ihre Kinder nicht einfach verwahrt wissen wollen, sondern wirklich betreut, ist wohl allen klar.
    Herr Rabe: Mit den Zuständen in Norwegen bin ich sehr zufrieden. Ich würde mir wünschen, wie es auch schon Frau Rabe beschrieben hat, dass die Politik in Deutschland sich mehr an der Skandinavischen Familienfreundlichkeit orientiert.

  12. Was wünschst Du Dir von anderen Entscheidungsträger*innen?

    Frau Rabe: Ich wünsche mir, dass es normaler wird, sich gleichberechtigt an der Care-Arbeit zu beteiligen. Dass Frauen™ nicht mehr so oft und Männer™ dafür öfter gefragt werden, wie denn die Kinderbetreuung organisiert ist. Dass mehr Paare sich die Elternzeit gerechter aufteilen. Dass mehr Väter bei ihren Arbeitgebern auf ihr Recht bestehen, Elternzeit zu nehmen. Dass im Gegenzug der Rabenmuttermythos endlich ausstirbt. Dass Medien aufhören, Politiker dafür abzufeiern, dass sie einmal pro Woche das Kind aus der KiTa abholen, während die Schlagzeilen bei der schwangeren Politikerin deren Leistungsfähigkeit anzweifeln. Zusammengefasst: eine gleichberechtigte Elternschaft soll keine Randerscheinung mehr sein. Bitte.
    Herr Rabe: Ich wünsche mir, dass Väter mehr ermutigt werden sich Zeit für ihre Familie zu nehmen. Das es selbstverständlich und kein Problem ist, wenn man dem Chef sagt, man müsse los um das Fieberkind aus der Kita abzuholen. Mein Teamleiter wünscht mir zum Beispiel in solchen Fällen nur gute Besserung für das Kind.

  13. Was wünschst Du Dir konkret für Deinen Alltag anlässlich des Equal Care Day 2017?

    Frau Rabe: Ich wünsche mir mehr Geschichten, wie andere Paare sich die Familienarbeit gleichberechtigt aufteilen oder wenn nicht, was sie davon abhält.
    Herr Rabe: Ich wünsche mir, dass der Equal Care Day zum reflektieren der eigenen Situation anregt und dazu ermutigt Missstände anzusprechen. Ich wünsche mir, dass das Thema gleichberechtigte Familienarbeit diskutiert wird, nicht nur auf politischer Ebene, sondern ganz konkret in Familien und Freundeskreisen.

Claudia wohnt und arbeitet mit ihrem Mann und zwei Kindern in Süddeutschland. Sie leben kein Equal Care, denn der Versuch hat bei den beiden zu einem umgekehrten Rollenmodell geführt. Sie passen nicht unsere Reihe der Positivbeispiele, trotzdem wollen wir ihre Antworten hier vorstellen, da sie die gesellschaftlichen Widerstände gerade auch gegenüber fürsorglichen Vätern deutlich machen. Claudia möchte anonym bleiben.

photo credit: Chris B Richmond

Als wir im Sinne des Equal Care für eine 50:50 Aufteilung des Elterngeldjahres entschieden haben, hat das meinem Mann beruflich sehr geschadet. Deswegen arbeitet er auch nicht mehr in der ihm vertrauten Branche, in der er jahrelang tätig war, sondern musste und muss sich weiterhin beruflich komplett umorientieren. Darum bringe ich in Vollzeit als IT-lerin den Hauptteil des Geldes heim und mein Mann arbeitet auf 50% im Einzelhandel. Das bedingt derzeit eine relative Umkehrung der Rollen, aber mehr dazu in den Fragen.

1. Wie ist die CareArbeit bei Euch zuhause auf die Erwachsenen verteilt? Gibt es feste Zuständigkeiten?

Da ich als Frau mehr Stunden arbeite, übernimmt mein Mann fast den kompletten Haushalt. Bis auf gelegentliches Durchsaugen und die Spülmaschine übernehme ich kaum regelmäßige Arbeiten im Haushalt. Mein Mann übernimmt auch den Großteil der Kinderarzttermine, da seine Schichten im Einzelhandel in der Regel nachmittags und am Wochenende liegen. Auch die Kinderkranktage werden aus finanziellen und organisatorischen Gründen (er hat oft keine Schicht an diesen Tagen) von meinem Mann übernommen.
Ich übernehme im Hintergrund viele organisatorische Arbeiten, dazu gehört Besorgen von Kinderkleidung, Verkaufen von alten Kindersachen und das Orchestrieren von Terminen mit Familie und Freunden. Außerdem so ziemlich Alles was sich mit Finanzen und Steuern beschäftigt und Recherche für neue Anschaffungen.

Wenn es um die Kinder geht, sind wir beide gleich investiert. Wenn wir beide früh raus müssen, teilen wir uns das Aufstehen auf, wenn der Andere morgens frei hat, dann übernimmt dieser die Nachtschicht. Jeder achtet auf den Anderen, wenn wir also sehen, dass die Nerven des Einen schon am Limit sind, springen wir ein, egal wer gerade "dran" wäre.
Das ist für mich auch der zentrale Punkt. Wir sind ein Team und können der Belastung auch nur zusammen standhalten.

2. Warum teilt Ihr Euch anfallende CareArbeit untereinander auf? Welche Vorteile habt Ihr dadurch?

Wir haben ganz klar nach verfügbarer Zeit und Neigung aufgeteilt und da kommen auch die Vorteile her. Fair aufzuteilen heißt auch nachhaltig mit den Ressourcen der Beteiligten umzugehen. Es bringt niemanden was, wenn der/die Eine opferwillig die Belastung alleine schultert und dann irgendwann zusammenbricht. Das gilt für Care-Arbeit genauso wie den Gelderwerb. Auch die Belastung die finanzielle Existenz alleine zu schultern ist zu viel für Einen allein.

3. Welche Nachteile und Schwierigkeiten gibt es, welche Hürden?

Die Hölle das sind immer die Anderen. Wir leben derzeit noch in einer Gesellschaft, die die alten Rollenmodelle sehr ernst nimmt. Ich werde genauso kritisch beäugt, wie ich als Frau Vollzeit "hinbekomme", so wie auch mein Mann Klassenkeile erlebt hat, weil er für seine Kinder seine Job zurückgestellt hat. Umgekehrt würde niemand mit der Wimper zucken.

Als Markus Elternzeit beantragt hatte, wurde er vor die Alternative gestellt: gleich von selbst gehen oder nach Ablauf der Elternzeit eine Kündigung bekommen. Sich um sein Kind kümmern zu wollen, wurde ihm nämlich als "zu wenig engagiert" ausgelegt. Markus hat noch gehofft, im Lauf des Elternzeitjahres eine neue Stelle zu finden, wurde aber enttäuscht und hat sich dann umorientiert.

Und ich werde weiterhin als Frau zuerst angerufen, wenn etwas in der Betreuung ist und die Anzahl der Male, die ich in Vorstellungsterminen gefragt wurde, wie ich theoretische 18:00 Termine (die so seltenst eintreffen) wahrnehmen will...eine Schande in 2017.

4. Wäre es nicht praktischer, eine Person des Haushalts würde sich alleine darum kümmern und so auch den Überblick und die Verantwortung behalten?

Sicher wäre das manchmal praktischer, aber was heißt denn Haushalt? Da sind so viele Themenfelder betroffen, die man prima aufteilen kann, ohne dass man sich in die Quere kommt. Und es bleibt dabei...Aufteilung heißt nicht, dass man nicht konstant aufeinander achten muss. Eine Aufgabenverteilung bleibt nicht in Stein gehauen, sondern muss ständig dem Belastungszustand und der Sitauation angepasst werden. Elternsein ist Teamarbeit.

5. Wodurch / Wann stoßt Ihr an Grenzen der fairen Aufteilung?

Derzeit gerne an der Unterschiedlichkeit der Arbeitsrealitäten. Zwischen einem Bürojob mit Gleitzeit und Einzelhandelsschichten klaffen Welten. Ohnehin merkt man da auch sehr stark, dass unsere Familienpolitik immer nur aus dem warmen Büro gemacht wird. Mein Mann arbeitet auf dem Papier 50%, die Wahrheit ist aber, dass diese Stunden oft im Nachmittag oder am Samstag liegen. So sehr er sich im Care-Bereich engagiert...er ist halt arbeiten, wenn ich vom Vollzeitjob heim komme.
Natürlich gibt es darüberhinaus auch Phasen in denen die Kinder an einem Elternteil mehr hängen...und ja auch wenn man progressiv unterwegs ist, das ist häufig auch die Mutter.

6. Leben Kinder in Eurem Haushalt? Hat sich die Verteilung der CareArbeit verändert im Vergleich zur Zeit ohne Kinder?

Ja, drei...zwei Kinder 2 und 4 und ein Teenager mit 17 aus einer vorherigen Beziehung. Ich kenne das Leben und die Beziehung ohne Kinder nicht. Aber als ehemalige Alleinerziehende kann ich ermessen wie es ist die Care-Arbeit allein zu tragen und habe in der Beziehung auch klar gemacht, dass das in keinem Fall ein Idealzustand ist.

7. Was hat sich verändert mit dem Älterwerden der Kinder? Musste die Aufteilung in Frage gestellt und evtl. neu verteilt werden?
Da sind wir noch nicht, zumindest nicht mit den gemeinsamen Kindern. Aber aus der Erfahrung mit dem Ältesten. Es ist wichtig sich auch hier abzuwechseln und auch konfliktfreie Zeit mit den Kindern zu verbingen und das geht nur, wenn nicht einer ständig die Care-Brille aufhalten muss. Speziell in der Pubertät ist es ein häufiges Wechselspiel zwischen der schönen Erfahrung einen Heranwachsenden zu begleiten und notwendige Grenzen aufzuzeigen. Da ist es gut, wenn man mal aus der Schusslinie treten kann und einfach nur als Elternteil mit ins Kino geht.

8. Welche Reaktionen bekommst Duvon anderen für Dein Tun als Mann
Mein Mann fühlte sich häufig nicht in den Kreis der "Muttis" integriert. Er wird auch unter Männern wie Frauen häufig nur nach seinen beruflichen Plänen und Ambitionen befragt. Als wäre das was er für die Familie tut, eigentlich nicht genug, solange er nicht auch ordentlich Geld verdient.

bzw. als Frau
Auch ich störe die wortlos akzeptierte Ordnung. Vollzeit und Kinder und dann noch ambitioniert...da stimmt doch irgendwas nicht. Das gilt für den Job genauso, wie auch für Begegnungen im Kindergarten. Das ich nicht fröhlich bei jedem 15:00 Kinderkurs dabei sein kann, sondern "nur" der Papa...

9. Erzähle von einer Situation, ein Gespräch, in dem Du eine positive und eine, in dem Du eine negative Reaktion erfahren hast.
Positive Reaktionen habe ich häufig von Frauen mit erwachsenen Kindern. Gerne auch welche, die selber berufstätig sind oder auch alleinerziehend wurden. Eine Kollegin hat mir nachdem ich aus der Elternzeit zurückkam ausdrücklich dazu gratuliert, dass ich Vollzeit mache und mit meinem Mann eine progressiver Verteilung der Care-Arbeit lebe.
Negativ: "Was machen Sie wenn ein Meeting um 18:00 angesetzt wird?" Von einem Fragesteller, der verheiratet war mit zwei kleinen Kindern...ich hätte ihn gern geschüttelt.
Oder: "Was machen die Kinder, wenn du arbeitest?" Ja...die Antwort war "im Keller angebunden sein".

10. Was würdest Du Deinem jüngeren Ich mit auf den Weg geben, das weder Kinder hat noch in einer Partnerschaft lebt, wie es mit dazu beitragen kann, dass Equal Care gelingen kann?

Sucht Dir einen Job, der gut bezahlt wird und Dich auch alleine finanzieren könnte! Ja...es ist so profan. Die Anzahl der Male, die ich gehört habe, dass die Retraditionalisierung mit der Aufteilung der Elternzeit ("Mein Gehalt als Mann ist höher, deswegen nur zwei Monate") begann sind unzählbar.
Und: Such Dir einen Mann, der keine Angst vor einer starken Frau hat...und einer die mehr verdient als er.

Hab ich alles gemacht...insofern...puh! 😉

11. Was wünschst Du Dir von Politiker*innen?

Dass sie aus ihrem kuscheligen Büro heraus auch nicht Schichtarbeiter und Geringverdiener vergessen, denn Retraditionalisierung beginnt meist mit einer sehr nüchternen Betrachtung der Familienressourcen. Wenn Schichtzeiten und Einkommen recht klar den männlichen Einverdiener favorisieren, dann hilft auch eine Promoaktion nichts.
Außerdem soll der Staat, die Care-Arbeit, die er übernimmt, auch bitteschön anständig übernehmen.
Da spreche ich im Besonderen die Qualität der Ganztags-/Schulen und der Hausaufgabenbetreuung an den OGTS an. Kinder, die schlecht gefördert und ohne Hausaufgaben um 16:30 daheim ankommen, sind kein Zustand. Dies führt häufig dazu, dass selbst im Schulalter die Arbeitszeit reduziert wird (meistens von der Frau), um die nicht erfolgte Care-Arbeit (die eigentlich Bildungsarbeit ist) wieder aufzufangen.
Öffnungszeiten und Angebot von Ganztags-KiTa Plätzen ist auch nicht deutschlandweit ausreichend.

12. Was wünschst Du Dir von anderen Entscheidungsträger*innen?

Ich wünsche mir ganz konkret von den Entscheidungsträger*innen (machen wir uns nichts vor, meist sind es Männer), dass sie den alten Rollenvorstellungen den Kampf ansagen. Wer diskriminierende Fragen in Vorstellungsgesprächen stellt, hat sich zu verantworten. Wer Teilzeitler diskriminiert, oder Leute in Elternzeit auch. Ihr frustriert nur Know-How Träger und senkt die Arbeitsmotivation. Da kommt doch auch betriebswirtschaftlich nur Mist raus.

13.Was wünschst Du Dir konkret für Deinen Alltag anlässlich des Equal Care Day 2017?

Konkret für mich, eigentlich nichts. Wir haben uns gut organisiert...aber es war ein langer Weg bis dahin.

Jochen König ist Autor und lebt mit seinen Töchtern in Berlin.

Jochen König

Wie ist die CareArbeit bei Euch zuhause auf die Erwachsenen verteilt? Gibt es feste Zuständigkeiten?

Meine Kinder leben jeweils etwa zur Hälfte mit mir in einem Haushalt und zur anderen Hälfte bei ihren jeweiligen Müttern. Wir haben eine feste Aufteilung, die sich alle 14 Tage wiederholt. Sind die Kinder bei mir, bin ich für alles alleine verantwortlich. Die Mütter in ihren Haushalten ebenfalls. Die Kinder haben jeweils zwei voll eingerichtete Kinderzimmer. Das bedeutet, dass wir die alltägliche Care-Arbeit zwangsläufig zu annähernd gleichen Teilen aufteilen. Wenn ein Kind krank wird, bleibt die Person zuhause, bei der sich das Kind gerade aufhält. Und auch die unregelmäßigen, nicht an einen Haushalt gebundenen Aufgaben (Winterjacke, Schuhe, Hausschuhe für die Kita besorgen, Arzttermine, Elternabende, größere Anschaffungen wie Kinderwagen/Laufrad/Fahrrad) teilen wir uns so gut es geht.

Warum teilt Ihr Euch anfallende CareArbeit untereinander auf? Welche Vorteile habt Ihr dadurch?

Alle Elternteile in unserer Familie wollen Zeit mit Kind verbringen. Alle Elternteile haben aber auch noch Interessen darüber hinaus, gehen Arbeiten oder freuen sich auch mal darüber, in Ruhe ausschlafen zu können. Durch unsere Aufteilung haben wir alle ein enges Verhältnis zum Kind bzw. zu den Kindern. Die Belastungen, zu denen unruhige Nächte genauso gehören wie beispielsweise finanzielle Ausgaben, werden in unserer Familie auf viele Schultern verteilt.

Gleichzeitig ist es uns wichtig, dass wir uns gemeinsam für diese Aufteilung entschieden haben. Eine solche Aufteilung wie in unserer Familie benötigt viel Kommunikation, Verständigung und Kontakt. Das kann nur funktionieren, wenn wir alle gut miteinander auskommen. Die Aufteilung ist darüber hinaus in unserer Familiengeschichte historisch gewachsen, ich habe beispielsweise früher wesentlich mehr Zeit mit meiner großen Tochter verbracht und wir sind auf Wunsch vieler bzw. mit Zustimmung aller Beteiligten zu unserer jetzigen Aufteilung gekommen. Die Aufteilung wurde also zu keinem Zeitpunkt irgendwie entgegen vorheriger Praxis von außen verordnet. Ich möchte vor allem deshalb so deutlich darauf hinweisen, weil viele Männerrechtler gegen den Willen des anderen Elternteils für eine 50/50-Aufteilung streiten, obwohl es eine solche Aufteilung in der Familie vor der Trennung bzw. niemals vorher einvernehmlich gegeben hat. Ich glaube nicht, dass eine solch verordnete 50/50-Aufteilung gerecht ist, funktionieren kann und ich glaube auch nicht, dass ein solcher Kampf im Sinne des Kindes ist.

Welche Nachteile und Schwierigkeiten gibt es, welche Hürden?

Wir müssen alle viel miteinander kommunizieren. Das ist manchmal mühsam und eine zusätzliche Belastung im sowieso nicht immer stressfreien Alltag. Durch die unterschiedlichen Haushalte kommt es auch immer mal zu der Situation, dass der aktuelle Lieblingspullover oder das aktuelle Lieblingsspielzeug gerade nicht da ist. Bei besonders wichtigen Dingen ist es zwar ein kleiner Aufwand aber auch problemlos möglich, schnell etwas beim anderen Teil der Familie abzuholen oder vorbei zu bringen.

Hat sich die Verteilung der CareArbeit verändert im Vergleich zur Zeit ohne Kinder? Was hat sich verändert mit dem Älterwerden der Kinder? Musste die Aufteilung in Frage gestellt und evtl. neu verteilt werden?

Unsere gemeinsamen Care-Aufgaben sind erst durch die gemeinsamen Kinder entstanden. Die anfallenden Aufgaben ändern sich immer wieder, es entstehen neue Aufgaben, manche gewinnen, andere verlieren mit der Zeit an Bedeutung – nicht nur durch das Älterwerden der Kinder. Damit die Aufteilung nicht in Frage gestellt wird, müssen alle immer die (neuen) Aufgaben im Kopf behalten, für die alle zuständig sind und die nicht an einen Haushalt gebunden sind, und sich eigenständig kümmern, ohne extra darum gebeten werden zu müssen. Damit die grundsätzliche Aufteilung beibehalten werden kann, müssen alle auch beispielsweise bei einem Jobwechsel, immer darauf achten, dass der neue Job kompatibel mit unserer Aufteilung und den Abholzeiten von Kita und Schule ist.

Welche Reaktionen bekommst Du von anderen für Dein Tun als Mann?

Mein Engagement als Vater wird von allen Seiten bejubelt. Ständig klopft mir irgendwer auf die Schulter und sagt mir, wie toll es ist, dass ich mich als Vater so viel kümmere, während gleiche Tätigkeiten von Frauen noch immer als selbstverständlich wahrgenommen werden.

Was würdest Du Deinem jüngeren Ich mit auf den Weg geben, das weder Kinder hat noch in einer Partnerschaft lebt, wie es mit dazu beitragen kann, dass Equal Care gelingen kann?

Besonders als Mann/Vater ist es wichtig, sich von Beginn an um die anfallenden Aufgaben zu kümmern. „Equal Care“ würde ich dabei gar nicht unbedingt als Richtwert vertreten wollen. Wichtiger als eine gleiche Aufteilung der Arbeit finde ich, die Bandbreite der Entscheidungsmöglichkeiten für alle Beteiligten möglichst groß zu gestalten.

Ich wäre bei meinem ersten Kind mit einer 50/50-Aufteilung gar nicht glücklich gewesen. Und die Mutter ebenfalls nicht. Ich glaube, dass Väter bereit sein müssen, auch mehr als die Hälfte der Care-Arbeit zu erledigen. Erst dann hat die Mutter überhaupt die Möglichkeit, sich auch für eine Übernahme der Hälfte der Aufgaben zu entscheiden oder wie in unserem Fall für weniger als die Hälfte. Wofür sie sich entscheidet ist dabei weniger wichtig, als überhaupt eine Wahlmöglichkeit zu haben. In unserem Fall haben wir uns gemeinsam entschieden, dass unser Kind zu mir zieht und ich die große Mehrheit der Care-Aufgaben übernehme. Nach mittlerweile siebeneinhalb Jahren hat sich unsere Aufteilung nun zu einer annähernden 50/50-Aufteilung entwickelt.