Jochen König ist Autor und lebt mit seinen Töchtern in Berlin.

Jochen König

Wie ist die CareArbeit bei Euch zuhause auf die Erwachsenen verteilt? Gibt es feste Zuständigkeiten?

Meine Kinder leben jeweils etwa zur Hälfte mit mir in einem Haushalt und zur anderen Hälfte bei ihren jeweiligen Müttern. Wir haben eine feste Aufteilung, die sich alle 14 Tage wiederholt. Sind die Kinder bei mir, bin ich für alles alleine verantwortlich. Die Mütter in ihren Haushalten ebenfalls. Die Kinder haben jeweils zwei voll eingerichtete Kinderzimmer. Das bedeutet, dass wir die alltägliche Care-Arbeit zwangsläufig zu annähernd gleichen Teilen aufteilen. Wenn ein Kind krank wird, bleibt die Person zuhause, bei der sich das Kind gerade aufhält. Und auch die unregelmäßigen, nicht an einen Haushalt gebundenen Aufgaben (Winterjacke, Schuhe, Hausschuhe für die Kita besorgen, Arzttermine, Elternabende, größere Anschaffungen wie Kinderwagen/Laufrad/Fahrrad) teilen wir uns so gut es geht.

Warum teilt Ihr Euch anfallende CareArbeit untereinander auf? Welche Vorteile habt Ihr dadurch?

Alle Elternteile in unserer Familie wollen Zeit mit Kind verbringen. Alle Elternteile haben aber auch noch Interessen darüber hinaus, gehen Arbeiten oder freuen sich auch mal darüber, in Ruhe ausschlafen zu können. Durch unsere Aufteilung haben wir alle ein enges Verhältnis zum Kind bzw. zu den Kindern. Die Belastungen, zu denen unruhige Nächte genauso gehören wie beispielsweise finanzielle Ausgaben, werden in unserer Familie auf viele Schultern verteilt.

Gleichzeitig ist es uns wichtig, dass wir uns gemeinsam für diese Aufteilung entschieden haben. Eine solche Aufteilung wie in unserer Familie benötigt viel Kommunikation, Verständigung und Kontakt. Das kann nur funktionieren, wenn wir alle gut miteinander auskommen. Die Aufteilung ist darüber hinaus in unserer Familiengeschichte historisch gewachsen, ich habe beispielsweise früher wesentlich mehr Zeit mit meiner großen Tochter verbracht und wir sind auf Wunsch vieler bzw. mit Zustimmung aller Beteiligten zu unserer jetzigen Aufteilung gekommen. Die Aufteilung wurde also zu keinem Zeitpunkt irgendwie entgegen vorheriger Praxis von außen verordnet. Ich möchte vor allem deshalb so deutlich darauf hinweisen, weil viele Männerrechtler gegen den Willen des anderen Elternteils für eine 50/50-Aufteilung streiten, obwohl es eine solche Aufteilung in der Familie vor der Trennung bzw. niemals vorher einvernehmlich gegeben hat. Ich glaube nicht, dass eine solch verordnete 50/50-Aufteilung gerecht ist, funktionieren kann und ich glaube auch nicht, dass ein solcher Kampf im Sinne des Kindes ist.

Welche Nachteile und Schwierigkeiten gibt es, welche Hürden?

Wir müssen alle viel miteinander kommunizieren. Das ist manchmal mühsam und eine zusätzliche Belastung im sowieso nicht immer stressfreien Alltag. Durch die unterschiedlichen Haushalte kommt es auch immer mal zu der Situation, dass der aktuelle Lieblingspullover oder das aktuelle Lieblingsspielzeug gerade nicht da ist. Bei besonders wichtigen Dingen ist es zwar ein kleiner Aufwand aber auch problemlos möglich, schnell etwas beim anderen Teil der Familie abzuholen oder vorbei zu bringen.

Hat sich die Verteilung der CareArbeit verändert im Vergleich zur Zeit ohne Kinder? Was hat sich verändert mit dem Älterwerden der Kinder? Musste die Aufteilung in Frage gestellt und evtl. neu verteilt werden?

Unsere gemeinsamen Care-Aufgaben sind erst durch die gemeinsamen Kinder entstanden. Die anfallenden Aufgaben ändern sich immer wieder, es entstehen neue Aufgaben, manche gewinnen, andere verlieren mit der Zeit an Bedeutung – nicht nur durch das Älterwerden der Kinder. Damit die Aufteilung nicht in Frage gestellt wird, müssen alle immer die (neuen) Aufgaben im Kopf behalten, für die alle zuständig sind und die nicht an einen Haushalt gebunden sind, und sich eigenständig kümmern, ohne extra darum gebeten werden zu müssen. Damit die grundsätzliche Aufteilung beibehalten werden kann, müssen alle auch beispielsweise bei einem Jobwechsel, immer darauf achten, dass der neue Job kompatibel mit unserer Aufteilung und den Abholzeiten von Kita und Schule ist.

Welche Reaktionen bekommst Du von anderen für Dein Tun als Mann?

Mein Engagement als Vater wird von allen Seiten bejubelt. Ständig klopft mir irgendwer auf die Schulter und sagt mir, wie toll es ist, dass ich mich als Vater so viel kümmere, während gleiche Tätigkeiten von Frauen noch immer als selbstverständlich wahrgenommen werden.

Was würdest Du Deinem jüngeren Ich mit auf den Weg geben, das weder Kinder hat noch in einer Partnerschaft lebt, wie es mit dazu beitragen kann, dass Equal Care gelingen kann?

Besonders als Mann/Vater ist es wichtig, sich von Beginn an um die anfallenden Aufgaben zu kümmern. „Equal Care“ würde ich dabei gar nicht unbedingt als Richtwert vertreten wollen. Wichtiger als eine gleiche Aufteilung der Arbeit finde ich, die Bandbreite der Entscheidungsmöglichkeiten für alle Beteiligten möglichst groß zu gestalten.

Ich wäre bei meinem ersten Kind mit einer 50/50-Aufteilung gar nicht glücklich gewesen. Und die Mutter ebenfalls nicht. Ich glaube, dass Väter bereit sein müssen, auch mehr als die Hälfte der Care-Arbeit zu erledigen. Erst dann hat die Mutter überhaupt die Möglichkeit, sich auch für eine Übernahme der Hälfte der Aufgaben zu entscheiden oder wie in unserem Fall für weniger als die Hälfte. Wofür sie sich entscheidet ist dabei weniger wichtig, als überhaupt eine Wahlmöglichkeit zu haben. In unserem Fall haben wir uns gemeinsam entschieden, dass unser Kind zu mir zieht und ich die große Mehrheit der Care-Aufgaben übernehme. Nach mittlerweile siebeneinhalb Jahren hat sich unsere Aufteilung nun zu einer annähernden 50/50-Aufteilung entwickelt.

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Im vergangenen Jahr haben wir den Equal Care Day ins Leben gerufen - Tag für mehr Wertschätzung und eine faire Verteilung der Fürsorgearbeit. Der 29. Februar ist das passende Datum, um in aller Deutlichkeit darauf aufmerksam zu machen, dass Frauen im privaten wie im beruflichen Bereich 80 % der Care-Arbeit leisten in Deutschland. Deshalb der Schalttag, weil Männer eben viermal so lange brauchen, um dasselbe Fürsorgepensum zu erfüllen.

Auch wenn viele andere seit Jahren darüber schreiben und sich engagieren, dieser eklatante Missstand ist längst nicht im öffentlichen Bewusstsein angekommen. Und die Berichterstattung im vergangenen Jahr zeigte, dass vielen gar nicht klar war, was Care-Arbeit im Detail bedeutet - anders als gern assoziiert wird, ist es eben nicht nur "das bisschen Haushalt", sondern dahinter verbirgt sich eine grundlegend andere Definition von Arbeit: sie zählt nicht erst dann, wenn sie mit Geld honoriert wird!

Mit viel politischer, medialer und persönlicher Unterstützung konnte sich der Equal Care Day etablieren, viele haben mit einem Statement beigetragen. Auch in diesem Jahr wird er wieder zum Anlass genommen, um den Stellenwert von Care und Fürsorge-Arbeit zu diskutieren, zum Beispiel am 28. Februar in Frankfurt, 18 Uhr: "Equal Care Day 2017: Ihr nennt es Liebe, wir nennen es unbezahlte Arbeit"

Die sogenannten "Neuen Väter"

Kinderküche im Spielwarenkatalog von jako-o 2016

Die politischen Debatten um den Ausbau von Kinderbetreuungsstrukturen, über die Vereinbarkeit von Beruf und Familie kreisen nach wie vor um die Mütter, deren Schwierigkeiten und ihre, wie immer wieder suggeriert wird, überzogenen Wunschvorstellungen. Immerhin wird hier diskutiert und in Frage gestellt. Im Gegensatz dazu werden beispielsweise in der Werbung gerade jene Rollenklischees reproduziert, die wir doch eigentlich überwinden wollen. Und viele glauben, das sei doch längst geschehen: "Da sind wir heutzutage doch viel weiter!".

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Väter sind in dieser Rolle weiterhin so selten, dass sie als sogenannte "neue Väter" unverhältnismäßige Aufmerksamkeit und Anerkennung ernten für Tätigkeiten, die viele berufstätige Mütter schon immer selbstverständlich erledigen, erledigen müssen. Würden doch Alleinerziehende nur einen Bruchteil der Wertschätzung erfahren, mit dem die beiden Spitzenväter in Berlin bedacht wurden oder Sigmar Gabriel für seinen freien Mittwoch, oder Papa, wenn er einfach mal wieder kocht …

Wenn er nur "mithilft"…

Meist verrät schon der Sprachgebrauch die verbreiteten Denkmuster: Sie übernimmt den Großteil der Care-Arbeit, er "hilft" ihr dabei. Doch Equal Care sieht anders aus!

Equal Care hat in Deutschland keine Tradition, keine Lobby und auch Anerkennung gibt es dafür eher selten. Wenn sich Paare, Menschen, WGs oder Familien zusammenschließen und Equal Care leben, betreten sie gemeinsam und alle für sich Neuland. Da gibt es keine Vorbilder, keine Ratgeberinnen und insbesondere die eigenen Eltern sind da nur selten Hilfe und Unterstützung. Mit wem spricht man, tauscht sich aus, wer hat Tipps? Die eigene Rolle zu finden beim Thema Equal Care ist deshalb oft mit Trial and Error verbunden. Oder um es mit den Worten von Samuel Beckett zu sagen:

Ever tried, ever failed, no matter.

Try again, fail again, fail better.

Was beim Feiern der tollen neuen Väter zu kurz kommt, ist der gemeinschaftliche Ansatz, ohne den Equal Care gar nicht möglich wäre. Und genau deshalb versammeln wir hier und anlässlich des zweiten Equal Care Days Portraits von Menschen, die Equal Care leben, die erzählen von den Schwierigkeiten, aber auch von den tollen Momenten und dem Gewinn, den diese Art der Arbeitsteilung bringt, für alle Beteiligten. Sie liefern die Stimmen, von denen die aktuelle OECD-Studie "Dare to Share" ("Wage es, zu teilen") berichtet:

Väter, die Zeit mit ihren Kindern verbringen sind subjektiv zufriedener mit ihrem Leben sowie physisch und psychisch gesünder als weniger engagierte Väter. Müttern eröffnet EqualCare bessere berufliche Möglichkeiten, was wiederum ihre Rente verbessert, ihre finanzielle Unabhängigkeit und familiäre Finanzlage!

 

Viele Grüße und viel Kraft für all die unsichtbare Arbeit wünscht

Das Equal Care Day - Team

Sascha Verlan und Almut Schnerring

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Equal Care Porträts zum Equal Care Day 2017

(Rückblick zu unserem Aufruf zu Beginn des Jahres)

 

Alu und Konsti … leben mit ihren drei Kindern in Berlin.

 

Roland … lebt und arbeitet als Journalist und Social-Media-Redakteur in München. Mit Veronika hat er zwei Kinder. Ohne EqualCare ginge bei ihnen gar nix.

 

Dagmar … aus Hannover, arbeitet Teilzeit als Referentin im niedersächsischen Wirtschaftsministerium. Sie lebt getrennt von Thomas, mit dem sie zwei Kinder hat.

 

Stefanie und Tobias … leben mit ihren beiden Kindern in Berlin.

 

 

Elisa … lebt mit ihrem Mann und zwei Töchtern in Hamburg. Sowohl sie als auch ihr Mann arbeiten fest und voll angestellt im Mediensektor.

 

 

Jochen König

Jochen …  ist Autor und lebt in Berlin. Seine Kinder leben jeweils etwa zur Hälfte mit ihm in einem Haushalt und zur anderen Hälfte bei ihren jeweiligen Müttern.

 

Claudia… wohnt mit ihrem Mann und zwei Kindern in Süddeutschland. Sie leben kein Equal Care, passen damit zwar nicht in die Reihe, aber zum Thema.

 

Almut und Sascha … arbeiten und leben als freiberufliches JournalistInnen- und AutorInnen-Team mit ihren drei Kindern in Bonn.

 

Carin … lebt mit ihrem Partner und zwei kleinen Kindern in einer Kleinstadt in Deutschland

 

Patricia und Marcus … die Projekt-Managerin und Bloggerin und der Radiojournalist leben mit zwei Schulkindern in Berlin

 

Kerstin … arbeitet als freiberufliche Regisseurin und lebt mit ihrem Mann und ihren zwei Kindern in Hamburg.

 

Frau und Herr Rabe … die Doktorandin in Molekularer Medizin und der Softwareentwickler leben mit ihren beiden Kindern in Trondheim, Norwegen

 

 

Julie … mit Leander und ihren 3-jährigen Zwillingen.

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…und es werden mehr:

Bloggerinnen und Blogger über ihren Equal Care Alltag

 

  • Paul und Juliane auf herrpaul_ mit 3 Kindern unter 2 Jahren

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  • Tina Groll über den Equal Care Day bei chefin.de
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Wer unseren Aufruf Anfang des Jahres gelesen hat und über die Aufteilung von Familienarbeit und Equal Care gebloggt hat

- bitte sehr gerne hier in den Kommentaren verlinken - Dankeschön! 🙂

 

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Ihr seid ein Paar bzw. Du lebst in einem Haushalt, in dem sich alle für die alltäglich anfallende Care Arbeit (Kinder, Küche, Kleidung, Krankheit, Klo…) zuständig fühlen und um eine faire Aufteilung bemüht sind?

Wir wollen am Equal Care Day 2017 (weil es kein Schaltjahr ist, fällt er dieses Mal auf den 1.März) zeigen, dass Equal Care möglich ist. Wir wollen Menschen vorstellen, die Equal Care leben, und Eure ganz individuelle Umsetzung im Alltag kennenlernen. Mit Hilfe der untenstehenden Fragen möchten wir erfahren, wie Dein Equal Care Alltag aussieht, welche Schwierigkeiten und welche Vorteile diese Aufteilung mit sich bringt, welche Fragen damit verbunden sind, und was Deiner Meinung nach Politiker*innen bei den Themen Vereinbarkeit, Pflege und GenderCareGap übersehen.

Am 1. März 2017 werden wir möglichst viele Menschen mit ihren Antworten >hier< vorstellen und auf ihre Seiten und Blogs verlinken. Deshalb freuen wir uns, wenn Dich das Thema interessiert.

Wer mag, kann unter http://equalcareday.de/fragen-zum-equal-care-day/ nachlesen, um ins Thema und in ein Gespräch darüber reinzukommen.

Unsere Fragen gibt es als pdf-Datei zum Download: *klick*

Hashtag: #equalcareday

Falls Du Dich mit den Fragen in einem Blogpost befasst hast, bitte gerne den Link hier in die Kommentare posten.

Vielen Dank und schöne Grüße

schickt

das Equal Care Day-Team

 

Fragen zu Deinem Equal Care Alltag:

  1. Wie ist die CareArbeit bei Euch zuhause auf die Erwachsenen verteilt? Gibt es feste Zuständigkeiten?
  2. Warum teilt Ihr Euch anfallende CareArbeit untereinander auf? Welche Vorteile habt Ihr dadurch?
  3. Welche Nachteile und Schwierigkeiten gibt es, welche Hürden?
  4. Wäre es nicht praktischer, eine Person des Haushalts würde sich alleine darum kümmern und so auch den Überblick und die Verantwortung behalten?
  5. Wodurch / Wann stoßt Ihr an Grenzen der fairen Aufteilung?
  6. Leben Kinder in Eurem Haushalt? Hat sich die Verteilung der CareArbeit verändert im Vergleich zur Zeit ohne Kinder?
  7. Was hat sich verändert mit dem Älterwerden der Kinder? Musste die Aufteilung in Frage gestellt und evtl. neu verteilt werden?
  8. Welche Reaktionen bekommst Du von anderen für Dein Tun als Mann*  ☐ /
    bzw. als Frau* ☐ ?
  9. Erzähle von einer Situation, ein Gespräch, in dem Du eine positive und eine, in dem Du eine negative Reaktion erfahren hast.
  10. Was würdest Du Deinem jüngeren Ich mit auf den Weg geben, das weder Kinder hat noch in einer Partnerschaft lebt, wie es mit dazu beitragen kann, dass Equal Care gelingen kann?
  11. Was wünschst Du Dir von Politiker*innen?
  12. Was wünschst Du Dir von anderen Entscheidungsträger*innen?
  13. Was wünschst Du Dir konkret für  Deinen Alltag anlässlich des Equal Care Day 2017?

2017-equalcareday-fragebogen

Falls Du selbst bloggst und anlässlich des Equal Care Day 2017 über Carearbeit schreibst oder andere Wege hast, auf das Thema aufmerksam zu machen, dann freuen wir uns, wenn Du es mit dem Hashtag #equalcareday verknüpfst und andere einlädst, sich mit den o.g. Fragen auseinanderzusetzen. - Vielen Dank!