Beziehungsarbeit wird heutzutage gerne in die Duzi-Duzi-Ecke verbannt und diffamiert. Mit der Verwechslung von Mensch und Maschine hängt zusammen, dass Begegnungen in Beziehungsberufen nicht mehr stattfinden. Es wird versucht, Momente des Angewiesenseins, der Bedürftigkeit, der Brüchigkeit durch einen technischen Zugang zu bekämpfen.

In diesem Kontext wurde in unserer Gesellschaft Zeit – auch für existentiell bedeutsame Situationen – wegrationalisiert. Die Zeit der therapeutisch Handelnden: Hebammen, Pflegekräfte ... – gilt es zurück zu erobern. Vor diesem Hintergrund fordere ich für unsere Gesellschaft eine neue Kultur der Begegnung! Darüber hinaus sollten wir in eine neue Kultur der zwischenmenschlichen Angewiesenheit investieren!

Denn letztlich wird nämlich für die Menschen, die Beziehungsarbeit leisten die Frage aufkommen: wenn wir uns selbst als potentiell verwert- und ausbeutbaren Bestand sehen, ob wir dann nicht auch Gefahr laufen, die uns Anvertrauten schließlich auf dieselbe Weise zu verstehen.

Beziehungsgestaltung ist keine Sentimentalität sondern leibliche Nahrung. Die Personen, die in Beziehungsberufen tätig sind, arbeiten meiner Auffassung nach weder mit dem Bauch, noch als erleuchtete Expertinnen für Esoterik oder Mystik. Vielmehr setzen sie sich mit ihrer leiblichen Seinsweise ein und das bedeutet, dass sie imstande sind Stimmungslagen, Atmosphären und Befindlichkeiten zu registrieren, häufig schneller als intellektuell zu durchdringende Informationen, welche durch Eindeutigkeit respektive Klarheit bestechen. Damit leisten diese Menschen im Gesundheitswesen, welches mit seinem rein naturwissenschaftlichen Ansatz mittlerweile eine subjektlose Erkenntnis anstrebt, einen bedeutsamen Beitrag - denn die Dichtigkeit unserer Wirklichkeit lässt sich nicht in Algorithmen fassen.

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Prof. Dr. Sabine Dörpinghaus

Professorin für Hebammenkunde
Gründungsmitglied des Kölner Kreises für humane Geburtskultur