Briefe an die nächste Generation

2018 haben wir die vielen Unterstützer*innen des Equal Care Day aufgerufen, ihre Wünsche zur Situation der Care-Arbeit in Form eines persönlichen Briefes und Berichtes aufzuschreiben, der sich an ein Kind der nächsten oder übernächsten Generation richtet.

Brief Annika

Brief von Annika Prüfer aus Köln. Mehr zu ihrem Brief und ihren Anliegen am 1.März, 22 Uhr in einem Beitrag auf frautv anlässlich des Equal Care Day 2018. Im selben Beitrag schreibt auch Angela Heider-Willms einen Brief zum Equal Care Day:

Brief von Sabine Wagner

Mein liebes Enkelkind,

ich bin schon ganz neugierig, wie es Dir in Deinem Leben so ergehen wird. Ich hoffe sehr, dass Du einmal selbst darüber entscheiden kannst, wie Du Deine Zeit einteilst. Für mich war es manchmal ganz schön schwierig, alles unter einen Hut zu bekommen. Als Deine Mutter klein war, war ich Abgeordnete im Bundestag und Parteivorsitzende.

Solch ein Amt bedeutete damals, am besten an drei Orten gleichzeitig zu sein. Und Frauen, die Kinder und Führungsverantwortung hatten, mussten damit rechnen, entweder als Rabenmütter oder als faul im Job angesehen zu werden. Ich hoffe sehr, dass so was für Deine Generation in Kategorie fällt: Oma erzählt von komischen Dingen aus der Vergangenheit. Ich habe damals einfach gesagt, ich drehe den Spieß um. Nicht ich muss mich verteidigen, dass ich beides unter einen Hut bringe. Vielmehr müssen sich diejenigen erklären, die es für die Politik zum Standard erheben, dass man 7 Tage die Woche rund um die Uhr arbeitet. Denn wer 7 Tage die Wochen von früh bis abends im Job ist, dem bleibt keine Zeit für Familie, Freunde oder dafür, mal ein gutes Buch zu lesen.

Dein Großvater und ich, wir haben uns von Anfang an die Familienarbeit zu gleichen Teilen aufgeteilt. Aber für viele Familien war das damals, als Deine Mutter noch klein war, nur schwer möglich. Oft hat ein Elternteil ganz viel Zeit im Job verbracht und das andere Elternteil hat den Großteil der Kindererziehung und später dann der Pflege der Eltern übernommen. Ja, damals waren es überwiegend Frauen, die sich um die Kinder oder die anderen Verwandten gekümmert haben. Aber viele Frauen und Männer wollten das gar nicht. Sie hätten es sich lieber gerecht aufgeteilt, aber vieles stand diesen Wünschen im Wege. Damals waren zum Beispiel im Durchschnitt die Löhne in typischen Männerberufen höher als in Berufen, die eher Frauen ausgeführt haben. Verrückt, nicht wahr? Deshalb konnten es sich Eltern, die nicht so viel Geld hatten, nicht leisten, dass beide Elternteile gleichviel ihre Erwerbsarbeitszeit reduzieren. Und dann gab es natürlich auch noch sowas wie gesellschaftliche Gewohnheiten und Muster, wonach das Kümmern um andere weniger als Männeraufgabe galt. Als ich zum Beispiel Parteivorsitzende wurde, fragte mich jemand, ob er jetzt das Jugendamt informieren muss wegen zu erwartender Vernachlässigung des Kindeswohls. Ein Vater musste niemals mit solchen Fragen rechnen. Naja, und wie Du siehst, ist Deine Mutter ja auch ganz gut geraten. Falls sie Dir manchmal zu streng ist wenn es um Süßigkeiten geht, nimm es ihr nicht übel, das hat sie von uns. Inzwischen, so als Großmutter, sehe ich das etwas entspannter. Eltern sind halt fürs Erziehen zuständig, Großeltern können sich aufs Verwöhnen konzentrieren.

Ich hoffe sehr, dass Du einmal genug Zeit für Deine Familie und Deine Freundinnen hast. Wenn Du mal Kinder haben solltest, wünsche ich mir, dass Du liebe Menschen an Deiner Seite hast, die sie mit Dir zusammen aufziehen. Ich hoffe, dass Pflege einen anderen Stellenwert in Eurer Gesellschaft haben wird: dass die Menschen anständig bezahlt werden; dass ihre Arbeit als wertvoll und notwendig anerkannt wird; dass genug Leute eingestellt werden; und dass sich alle auch gute Pflege leisten können.

Für Dein Leben wünsche ich Dir, dass Du Dich politisch einmischen kannst. Dass Du gegen all die Missstände kämpfst, die bei Euch vielleicht auch noch nicht abgeschafft sind. Dass Du Spaß daran hast, zusammen mit anderen etwas zu verändern und dass Du Dich dabei nicht unterkriegen lässt.

Naja, und ich wünsche Dir natürlich, dass Du auch Zeit für Dich und für die Muße hast. Dass Du zum Beispiel einfach auf dem Sofa in einem tollen Buch schmökern kannst, ohne dass Dir vor Müdigkeit sofort die Augen zufallen. Du weißt ja, bei Deinen Großeltern zu Hause gibt es nicht nur Süßigkeiten für Dich, sondern auch Regale voller toller Bücher. Und wenn Du etwas älter bist, leihe ich Dir gerne ein Buch aus, das mich sehr inspiriert hat und das mir gerade, wenn es sehr stressig wurde, geholfen hat: Die Vier-in-Einem-Perspektive von Frigga Haug. Deine Mutter durfte als Mädchen diese tolle Frau noch persönlich kennenlernen. Frigga hat sich dafür eingesetzt, dass im Leben von Männern und Frauen gleichermaßen Platz ist für vier gleichwertige Tätigkeitsbereiche: erstens Erwerbsarbeit, zweitens politische Einmischung, drittens Familien- bzw. Sorgearbeit und viertens Muße bzw. die Beschäftigung mit Kunst.

Sei im Gedanken umarmt

Katja

(Katja Kipping, Sozialpolitische Sprecherin, Fraktion Die Linke)

Brief einer Mutter an ihr Kind

Brief Mutter / Kind

Brief einer Mutter an ihr Kind

Liebe Tochter,

Letzte Woche hast du aus der Schule ein Arbeitsblatt mit nach Hause bekommen. Du solltest eintragen, wer bei uns die Hausarbeit erledigt, also z.B. wer einkauft oder kocht. Bei den meisten Punkten hast du Mama und Papa eingetragen. Auf meine Nachfrage hast du mir erzählt, dass du die Arbeit bei uns gerecht aufgeteilt siehst. Blumen gießen hattest du übrigens gestrichen – Blumen haben wir nur in der Vase und die muss man nicht gießen, klar 🙂 Und du wünscht dir für später, dass du die Arbeit mit deinem Mann teilst. Das war der Anlass für mich, einmal darüber nachzudenken, was ich dir wünsche. Du bist jetzt 7 Jahre alt. In den nächsten, vielleicht 20 Jahren, kann sich einiges ändern …

Wenn du einmal erwachsen bist, dann wünsche ich mir für Dich, dass du auch einen Partner hast, für den es selbstverständlich ist, dass ihr die Arbeit teilt. Dass ihr beide Zeit für euere Kinder habt und sie natürlich gerne auch mal zu Oma und Opa bringt 🙂 Dass ihr beide Zeit für Hobby und Ehrenamt habt. Und dass ihr beide einen Beruf habt, der euch erfüllt, aber auch Zeit für die anderen Dinge lässt.

Ich hoffe aber auch, dass du irgendwann stolz auf mich bist und nicht mehr sauer, weil ich so viele Abende nicht da bin. Diese Abende verbringe ich bei Ausschüssen oder anderen politischen Sitzungen, denn ich möchte die Weichen stellen, damit es für euch später einfacher wird:

* Kostenlose, gute Kinderbetreuung, damit du dir keine Sorgen machen musst, ob die Kinder gut betreut sind oder ihre Hausaufgaben machen, während du arbeitest
* Einen Beruf, der dir Spaß macht und gut bezahlt ist, gleiche Bezahlung für Männer und Frauen und die richtigen Vorgesetzten. Damit es egal ist, wer wie lange in Elternzeit geht. (Ich weiß aus Erfahrung, dass es schön für alle Beteiligten ist, sich die Elternzeit zu teilen)
* Ausreichende Rente, damit man sich keine Sorgen um die spätere Zukunft machen muss und die Großeltern auch Zeit haben für ihre Enkelkinder
* Abschaffung des Ehegattensplittings. Weg mit den falschen Anreizen, stattdessen Entlastung für Kinder und nicht den Ehepartner
* Tatsächlich auch technische Neuerungen, die das Leben erleichtern. Ohne gemeinsamen Kalender und Einkaufsliste auf den Smartphone wäre es noch komplizierter 🙂

Liebe Grüße aus dem Jahr 2018

Deine Mama
(Katrin Härtl, Mitglied des Stadtrats für die SPD und Hürth-Fischenich)

Brief einer Mutter an ihr Kind

Brief Mutter / Kind

Brief von Britta an Jessi:

Brief Britt an Jessi

Brief von Oma Bonn an ihren Enkel

Brief Oma Bonn

Brief von Franz an seinen Enkel Maxi

Brief Maxi

Liebe Enkelin, lieber Enkel,

ich würde Dir gerne sagen, dass meine Generation schon vieles besser gemacht hat als die Generation vor uns. Und irgendwie stimmt das schon ein wenig: Während mein Papa wahrscheinlich nie mit mir beim Kinderarzt war, gehe ich regelmäßig mit meinen Kindern zur Zahnärztin oder zum Kinderarzt. Mein Mama ist für sehr lange Zeit aus dem Beruf ausgeschieden als ich geboren wurde. Als meine Kinder auf die Welt kamen, habe ich ungefähr genau so lange Elternzeit gemacht wie meine Frau. Aber das macht mich nicht zum Superdad. Es sind eher Schritte in die richtige Richtung, zu einer gerechteren Normalität.

Keine neuen tollen Väter

Letztens war ich im Bus mit meinen Kindern unterwegs und eine ältere Frau meinte zu mir, ich wäre einer der „neuen tollen Väter.“ Ich wußte erst gar nicht, was ich darauf sagen sollte. Nur weil ich mit meinen Kindern alleine unterwegs bin, macht mich das nicht zu etwas besonderen. Meine Frau ist auch dauernd mit unseren Kindern unterwegs und hört nie einen Spruch, dass sie eine tolle Mutter ist. Ich sagte nur etwas davon, dass ich ein „normaler“ Vater bin. Etwas anderes fiel mir gar nicht darauf ein.

Nicht alles rosig

Selbst wenn ich länger Elternzeit als viele andere Väter gemacht habe, macht mich das nicht zu einem tollen Vater. Und wenn ich ganz ehrlich bin, ist auch bei uns noch nicht alles perfekt. Da ich Vollzeit arbeiten gehen, kann ich automatisch weniger tagsüber mit meinen Kindern machen. Während meine Frau öfters mit kranken Kindern zu Hause geblieben ist als ich, holt sie in der Regel die Kinder ab und verbringt die Nachmittage mit ihnen während ich noch arbeite. Natürlich versuche ich das morgens, abends und am Wochenende zu kompensieren und möglicht viel Zeit mit dem Runzelfüßchen und Herrn Annika zu verbringen. Aber ob ich wirklich auf die gleiche Stundenzahl an Care-Arbeit komme? Vermutlich nicht. Aber wir versuchen es zumindest und reden darüber.

Meien Wünsche zum Equal Care Day: Weniger zögern und mehr Mut bei den Vätern

Nachdem meine Tochter auf die Welt kam, habe ich zuerst vier Monate Elternzeit beantragt. Ich dachte zuerst, dass wäre ganz mutig, während viele anderen Väter oft gar keine Elternzeit oder nur zwei Monate machten. Aber selbst bei den vier Monaten habe ich mich gefragt, ob ich das wirklich machen soll, ob das eine gute Idee ist, was die Kolleg*innen denken, ob mir das beruflich schadet. Nach längerem Zureden von meiner Frau habe ich am Ende dann doch noch zwei Monate drangehängt. Von selbst hätte ich die Entscheidung nicht getroffen, weil noch so viele eigene Widerstände in meinem Kopf zu überwinden waren. Im Nachhinein war es die richtige Entscheidung und ich bin sehr froh gewesen, so viel Zeit mit meinem Baby verbringen zu können. Ich würde mir für die nächste Generation Väter wünschen, dass sie mutiger ist und sich mehr für sich selbst und ihre Kinder einsetzen. Dass sie von sich aus einfordern, mehr in der Care-Arbeit beteiligt zu werden. Dass sie auch eher in Teilzeit arbeiten, um mehr Care-Arbeit zu erledigen. Wenn man sieht, wie viel sich zwischen der Generation meiner Eltern und mir selbst geändert hat, dürfte das eigentlich ein Klacks sein.

Was wünscht ihr euch zum Equal Care Day von der nächsten Generation? Ihr könnt euch auch gerne an der Briefaktion beteiligen. Mir war das mti dem handschriftlichen Brief mit Abtippen, Fotografieren und per Email verschicken ein wenig zu kompliziert oder zu sehr Vor-Internetzeit, aber die Aktion selber finde ich sehr gut.

Henrike an Lea-Sophie

Brief Henrike

Liebe Lea-Sophie,

da ich keine Kinder und Enkel habe, schreibe ich Dir als Enkelin meines verstorbenen Bruders Wolfram, der Dich leider nie kennenlernen konnte. Neben mir liegt ein Foto von Dir, auf dem Du mit einem richtigen Haushaltsmesser etwa 3jährig eine Gurke schneidest und aus vollem Halse lachst. Ich wünsche mir von ganzem Herzen, dass Du dieses Lachen in Dein Leben mitnimmst, keine Angst vor schwierigen Herausforderungen hast – wie ich oft – und Menschen um Dich hast, die Dir etwas zutrauen.

Und wenn das Leben Dir Aufgaben stellt, die nicht allein oder mit Familie zu bewältigen sind, hoffe ich für Dich sehr, dass Ämter, Institutionen / Bürokratie Dir einfach, schnell und unkompliziert Unterstützung anbieten. Und wenn Du mal Kinder hast, sollte es eine große Palette an Möglichkeiten geben, wie du Kinderbetreuung und flexible Berufstätigkeit ohne große Sorgen organisieren kannst.

Es umarmt Dich Deine Großtante Henrike

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