Grußwort von Elke Büdenbender
zum
Equal Care Day – „Wege in eine fürsorgliche Demokratie“
am 28. und 29. Februar 2020 in Bonn

 

Oma am Bahnhof abholen? … ich bestell einfach ein Uber!
Bügeln? … ach, das macht der Typ von der Haushaltshilfen-App morgen,
der kann dann auch den Müll gleich mit runter nehmen, wenn er geht!

Abendessen? … wir bestellen einfach online und lassen liefern!
Den Wocheneinkauf? … lassen wir auch liefern!
Die jährlichen Arzttermine der Kinder und die Verabredungen? … daran erinnert uns der online Familienkalender!

In unserer zunehmend digitalisierten Welt scheint es doch für jedes Problem eine vermeintlich schnelle und unkomplizierte Lösung lediglich ein paar Klicks entfernt zu geben, die Organisatorisches im Privatleben oder im Haushalt – die sogenannte Care-Arbeit – für uns regelt.

Aber: Können wir menschliche Fürsorge einfach delegieren? An andere oder an Algorithmen? Fehlt unserer Gesellschaft im Ganzen und einer Familie im Kleinen dann am Ende nicht vor allem eines: menschliche Wärme? Kann man für unpersönliche Zuneigung und Aufmerksamkeit dieselbe Dankbarkeit und dasselbe Glück empfinden, wie für menschliche und vertraute?

Die Fragen zeigen, wie komplex das Thema Care-Arbeit ist, wie vielschichtig unsere Antworten sein müssen. Care-Arbeit findet statt, unbezahlt im Privaten oder bezahlt als Beruf – die ihr gebührende Wertschätzung erfährt sie jedoch in beiden Bereichen nicht hinreichend. Hausfrauen und Hausmänner werden belächelt – ja, sie sagen oft selber, sie würden „nichts tun“ und nur zu Hause sein. Gleichzeitig sind sie dann jedoch Putzfrau, Koch, Fahrdienst, Lehrerin, Gärtner und Hausmeisterin oder Altenpfleger zugleich. Am Ende eines jeden Tages kann man nicht ernsthaft attestieren, sie hätten nichts getan.

Dass die Arbeit, die im Haushalt oder im Privaten geleistet wird, in der volkswirtschaftlichen und gesellschaftlichen Gesamtheit einen eher geringen Stellenwert genießt, hat historische Wurzeln und reicht zurück in die Zeit, als Frauen und Kinder als Besitz des Mannes betrachtet wurden und Tätigkeiten in der privaten Sphäre als nichtselbstständige aber zugleich selbstverständlich galten. Auch wenn dem schon lang nicht mehr so ist, liegt darin der Grund, warum Pflegekräfte im Krankenhaus oder Erzieherinnen und Erzieher in den Kitas im Vergleich zu Berufen außerhalb der Care-Arbeit schlechter entlohnt werden.

Vielleicht lassen sich einzelne Fahrten, Einkäufe und Tätigkeiten im Haushalt delegieren und professionalisieren. Das Menschliche, Fürsorgliche und Persönliche an der Care-Arbeit jedoch wird bleiben: das weinende Kind in den Arm nehmen, mit der Oma lachen, dem älteren alleinstehenden Nachbarn einfach mal zuhören. Eine Gesellschaft, ein Land, eine Volkswirtschaft, eine Demokratie, die diese Dimensionen der Care-Arbeit nicht wertschätzt oder am Ende überhaupt nicht mehr vorsieht, ist unmenschlich und wenig lebenswert!

Wie aber können wir den Stellenwert der Care-Arbeit – im Privaten, wie als Beruf – in unserer Gesellschaft und unserer Volkswirtschaft verbessern?

Das Thema muss in all seinen Dimensionen in der Öffentlichkeit präsenter und verständlicher werden. Deshalb bin ich dankbar, dass am 28. und 29. Februar 2020 im Rahmen einer zweitägigen Konferenz der Equal Care Cay stattfinden wird, denn er wird zu mehr Aufmerksamkeit und Öffentlichkeit beitragen. Ich wünsche dabei allen viele spannende und bereichernde Gespräche, Arbeitsgruppen, Podiumsdiskussionen und viel Freude!

Ihre
Elke Büdenbender

Berlin, im November 2019