…und wie wir dies beenden.

Dr. Sonja Bastin

In der Pandemie zeigt sich mehr denn je, dass berufliche und private Sorge-/Care-Arbeit in Deutschland zu hohen Benachteiligungen der Ausübenden führt, während die Gemeinschaft profitiert. Das Equal Care Manifest hält Lösungen bereit und ruft zur Unterstützung auf.

In den ersten Wochen der Pandemie waren die Stimmen nach einer Aufwertung von Pflegeberufen laut. Sie schließen nach und nach und zu Recht weitere Sorge-Berufe mit ein und dürfen unter Einmalbonuszahlungen und Konjunkturförderungsplänen nicht verstummen.

Fast drastischer wird derzeit die latent mangelhafte Wertschätzung der elterlichen Sorgearbeit deutlich. Wie selbstverständlich verschiebt die Bundesregierung über Monate hinweg einen Großteil der Leistung, die sonst von Personal in Betreuungs- und Bildungseinrichtungen erbracht wird (betreuen, erziehen, bilden, putzen, kochen, einkaufen, organisieren) ins Private, Unsichtbare. Die Erwerbstätigkeit der Eltern wird weiterhin vollumfänglich erwartet. Ohne akute und langfristige Kompensationen, ohne Absicherungen in Form von Kündigungsschutz. Über Wochen wurde nicht einmal die besondere Situation Alleinerziehender berücksichtigt. Und noch immer lastet der Druck schwer auf Millionen von Eltern und Kindern. Selbst nach massiven Einsprüchen, Protesten und Hilferufen durch Institutionen, Verbände, Elterninitiativen und der Regierungsopposition wird das Vorgehen starr damit gerechtfertigt, dass die Situation lediglich verlängerte „Sommerferien“ seien, so Brandenburgs Wirtschaftsminister Jörg Steinbach. Und sogar die Bundesfamilienministerin Franziska Giffey verteidigt noch immer Home Office mit Kindern sei „anstrengend aber möglich“. Eltern sollen weiter „Geduld haben“. Anstatt realitätsnah die entstehenden kumulativen Belastungen und Risiken für die Familien anzuerkennen und ihnen von Beginn an mit angemessenem Ressourceneinsatz entgegenzuwirken.

Die Care-Krise bestand schon vor der Pandemie

Die Pandemie verdeutlicht, wie unser derzeitiges Gesellschafts- und Wirtschaftssystem funktioniert: Private Sorgearbeit wird nicht als Arbeit betrachtet, ist sozial nicht abgesichert und unterbewertet. Die berufliche Sorgearbeit ist massiv unterbezahlt und findet unter knappgesparten Bedingungen statt. Die bestehenden Strukturen, Werte und Einstellungen tragen den Belastungen denen Sorgearbeitende wie Eltern, Erzieher*innen, Lehrer*innen, Pflegende, Hebammen etc. ohnehin und jetzt erst recht, ausgesetzt sind, nicht annährend Rechnung. Ebenso wenig wie dem Nutzen, welcher der Gemeinschaft aus diesen individuellen Kosten und Risiken erwächst. Entgegen landläufiger Meinung sind Kinder und Pflege derzeit nämlich durchaus gesamtgesellschaftlicher Profit. Aber nicht annährend angemessen gesamtgesellschaftlich bearbeitete Aufgabe.

Wirtschaft und Staat beuten Care-Arbeit aus – häufig zu Lasten von Frauen

Jede*r von uns ist während Kindheit, Krankheit und im Alter darauf angewiesen, dass sich Menschen um uns kümmern. Und das System ist davon abhängig, dass, die Volkswirtschaft tragende Gesellschaftsmitglieder, nachkommen. Dennoch nehmen Maßnahmen zur Vereinbarkeit von Familie bzw. privater Pflege und Beruf keine Rücksicht darauf, dass Menschen durch die Übernahme von Sorgearbeit dauerhaft einer doppelten Belastung ausgesetzt sind. Denn auch sie müssen zusätzlich zur privaten Sorgearbeit Vollzeit berufstätig sein, um keine massiven individuellen Kosten und Risiken zu erleiden, wie bspw. lebenslange Einkommens- und Rentenverluste bzw. damit einhergehende finanzielle Abhängigkeiten. Bereits 2001 hat das Bundesverfassungsgericht festgestellt, dass Eltern verfassungswidrig belastet werden, weil ihr gesellschaftlicher Erziehungsbeitrag nicht berücksichtigt wird. Bis heute fehlt eine angemessene Umsetzung durch den Gesetzgeber. Nicht zuletzt, weil die doppelte Last auch bedeutet, dass geringe Ressourcen zur politischen Durchsetzung der eigenen Bedürfnisse und Rechte zur Verfügung stehen. Ein Teufelskreis, der sich auch in der aktuellen Krisensituation verschärft zeigt.

Soziale Normen weiblicher (bzw. auch elterlicher und pflegerischer) Aufopferungspflicht und eine Romantisierung der Leistung stabilisieren das System. Besonders im privaten Bereich wird dies deutlich, wenn kritisierende Stimmen allzu oft mit einem Verweis auf die freiwillige Entscheidung zur Elternschaft abgetan werden. Häufig auch mit Unterstellungen, man würde seine Kinder nicht lieben, oder ihnen durch das Anprangern der Schieflage das Gefühl geben Last, statt Bereicherung zu sein. Das Gegenteil ist der Fall: Eine angemessene Anerkennung dieser Leistung durch die Gesellschaft und die Wirtschaft würde sorgearbeitenden Eltern endlich in angemessener Weise die Möglichkeit geben, ihren Kindern mit ausreichend Zeit, Aufmerksamkeit und Energie zu begegnen. Ohne gleichzeitig große strukturelle Benachteiligungen zu erleiden. Analog könnte eine aufgewertete berufliche Sorgearbeit endlich flächendeckend den tatsächlichen Bedürfnissen von Kindern, Schwangeren und Gebärenden, Menschen mit Behinderungen, Alten, Kranken und Sterbenden gerecht werden.

Analog zur Unterbewertung der privaten Pflege wird auch die berufliche durch das System abgewertet. Die bestehenden Strukturen räumen dem produzierenden Gewerbe noch immer deutliche Priorität ein. Die Arbeit am Menschen ist weniger wert als die an der Maschine. Insgesamt ergeben sich so große finanzielle Profite seitens Wirtschaft und Staat, da privat und beruflich Pflegende billig bis kostenlos für Reproduktion und Regeneration der benötigten Arbeitskräfte sorgen. „Hier zeigt sich, wie eng Care- und Klima-Krise verknüpft sind: In beiden Fällen werden Ressourcen zur individuellen Gewinnmaximierung ausgebeutet“. Insbesondere zu Lasten von Frauen, die in Deutschland und weltweit einen Großteil der un- und unterbezahlten Sorgearbeit leisten.

Wege aus der Care-Krise: Das Equal Care Manifest

Expert*innen weisen seit Jahrzehnten auf diese diskriminierenden Strukturen hin. Jetzt in der Krise wird allgemein deutlich: Langfristige Lösungen müssen her, um ein stabiles und gerechtes Wirtschafts- und Pflegesystem aufzubauen. Das Ziel muss „ein gleichberechtigtes Miteinander in gelebten familialen und anderen Verantwortungsgemeinschaften in Deutschland und weltweit (sein); es geht um eine faire Verteilung von Care-Arbeit unabhängig von Geschlecht, Einkommen und Herkunft, um Augenhöhe und Respekt! (…) Care- und Klimakrise sowie die aktuellen Erfahrungen der Coronavirus-Pandemie müssen Anlass sein, das heutige Wirtschaftsmodell gründlich zu überdenken und nachhaltig zu verändern!“

Dieser Leitlinie folgend haben sich erfahrene Fachexpert*innen aus Wissenschaft, Politik, Wirtschaft und Praxis in einem beispiellosen Zusammenschluss innerhalb der Initiative „Equal Care Day“, organisiert von Almut Schnerring und Sascha Verlan, zusammengetan. Um endlich gehört zu werden in ihren teils seit Jahrzehnten bestehenden konkreten Forderungen. Das entstandene Manifest, an dem sich auch die Universität Bremen beteiligt hat, wird von rund 300 erstunterzeichnenden Institutionen und Akteur*innen aus einschlägigen Bereichen unterstützt.

Ab sofort kann jede*r einzelne dem Manifest mit seiner Stimme Gewicht verleihen. Drei der 18 konkreten Forderungen des Manifests sind die „Abbildung der Wertschöpfung durch unbezahlte Care-Arbeit in den volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen (z.B. Bruttoinlandsprodukt), da sie maßgeblich ist für den gesellschaftlichen Wohlstand“, „eine Vereinheitlichung der sozialen Absicherung von privater Care-Arbeit, sei es Kindererziehung, Betreuung oder Pflege, die gleichermaßen in der Alterssicherung anzuerkennen sind und die Entwicklung einer zusammenhängenden Strategie sowohl zur höheren Wertschätzung unbezahlter Sorgearbeit als auch zur Neubewertung und finanziellen Aufwertung von Care-Berufen“. Darüber hinaus werden Strategien zur fairen Verteilung zwischen den Geschlechtern und eine Schaffung von unterstützenden Rahmenbedingungen genannt und gefordert.

Dieser Weg führt in eine Gesellschaft, die ein Recht auf Versorgen und Versorgt werden, sichert. In der Sorgearbeit nicht mehr primär gemeinschaftlicher Profit, sondern tatsächlich gemeinschaftlich bearbeitete Aufgabe ist.